Orte und Nicht-Orte

Mainzer kleine Schriften zur Volkskultur, 14

Stephanie Weiß
Orte und Nicht-Orte.
Kulturanthropologische Anmerkungen zu Marc Augé.

Mainz 2005 108 Seiten
ISBN 3-926052-86-4
Preis: € 12,-

Was sind Nicht-Orte? Sind es Orte, an denen man sich nicht aufhalten möchte oder die nicht existieren? Sind es Konstrukte, die den Blick auf unsere kulturelle Konstitution frei geben? Nach dem französischen Ethnologen Marc Augé sind es transitäre Raumstrukturen, die paradigmatisch für die Gegenwart stehen: an Bahnhöfen, U-Bahn-Stationen, Flughäfen, Shopping Malls, Hotels, Freizeitparks und virtuellen Räumen können komplexe gesellschaftliche Wirk- und Funktionszusammenhänge abgelesen werden.

So genannte Nicht-Orte sind weder identitätsstiftend noch beziehungsstiftend und weisen keinen Bezug zur Geschichte auf. Sie besitzen eigene Zugangsregeln und sie zeichnen sich durch eine eigene Form der Kommunikation aus. Anhand der Thesen Augés analysiert die Arbeit den Diskurs um den Raumbegriff und wirft einen Blick auf gegenwärtige Paradigmen innerhalb der kulturwissenschaftlich orientierten Forschung. Zu diesem Zweck wird die Rezeption des Nicht-Orte-Konzepts in der kulturwissenschaftlichen Forschung während der vergangenen zehn Jahre untersucht, wobei der Schwerpunkt auf der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff liegt.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde Augé vor allem als kulturpessimistischer Endzeitkritiker interpretiert, wobei die Schlagworte “Nicht-Ort”, “Einsamkeit” und “kollektiver Identitätsverlust” im Vordergrund standen. Ab Ende der 1990er Jahre wurde er nicht mehr als neo-marxisitischer Denker wahrgenommen, sondern als Initiator eines veränderten Raumempfindens. Gründe dafür liegen in der Auseinandersetzung mit Prozessen der Globalisierung und der “Neuentdeckung” des Raumes. Neben Michel Foucault und Michel de Certeau gilt Marc Augé als Initiator eines Paradigmenwechsels hin zu veränderten Raumbezügen.

Augé bezeichnet unsere Gegenwart als Übermoderne (surmodernité), deren wichtigstes Kennzeichen das Übermaß ist: Es herrscht ein Übermaß an Raum, ein Übermaß an Zeit sowie eine Individualisierung von Referenzen. Die anthropologischen Parameter Raum und Zeit haben sich verändert und die Sinnsuche findet nur noch auf individueller Ebene statt, da es keine festen anthropologischen Bezugssysteme mehr gibt. Die Übermoderne bringt so genannte Nicht-Orte hervor, an denen komplexe Wirk- und Funktionsmechanismen abgelesen werden können: Bei Autoren, die den Überlegungen Augés in einem weiter gefassten Raum-Kontext folgen, ergeben sich Übereinstimmungen mit dem Liminalitätskonzept Victor Turners.

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Die Publikation ist vergriffen.