Menschen zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz Band 26

Michael Brodhaecker
Menschen zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Der Alltag jüdischer Mitmenschen in Rheinhessen, Mainz und Worms während des “Dritten Reiches”

Mainz 1999. 430 Seiten, 55 Abbildungen
ISBN 3-926052-25-2
Preis: € 24.-

Rede von Dr. Michael Brodhaecker anläßlich der Buchvorstellung am 8. Dezember 2000

“Der Betroffene entstammt einer antisemitisch eingestellten Familie. Seit Beendigung des ersten Weltkrieges bestand eine ernsthafte Feindschaft des Vaters des Betroffenen mit der jüdischen Familie Koch [...]. Sie resultierte daher, weil der Vater des Betroffenen wegen Beleidigung des Juden gerichtlich zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Der Vater musste damals an Geldstrafe und Verfahrenskosten insgesamt ca. 200.- RM. bezahlen. [Nach einem Saufgelage mit seinen SA-Kameraden] erschien der Betroffene an der Wohnungstür und verlangte, dass man ihm öffnete. [ ... ] Da ihm nicht geöffnet wurde, schlug er die Scheiben der Wohnungstür ein und verschaffte sich gewaltsam Einlass. Er bestand auf sofortiger Auszahlung von 200 RM. Als ihm das verweigert wurde, begab er sich in das Schlafzimmer, wo die Ehefrau Koch im Bett lag. Er hob die Bettdecke hoch und gab aus einer mitgeführten Pistole einen Schuss auf Frau Koch ab, wodurch diese am Oberschenkel verwundet wurde. Dann richtete er die Waffe gegen die Tochter Alice Koch und feuerte einen Schuss ab. Das Geschoss ging durch den Mund und blieb im Nacken stecken. Insgesamt hat der Betroffene in der Wohnung Koch 4mal geschossen.”

Dieses Zitat, einem “Säuberungsverfahren” des Jahres 1950 entnommen, schildert nicht etwa – wie man angesichts der menschenverachtenden und offen zur Schau gestellten Brutalität des Vorgehens annehmen möchte – eine Begebenheit “irgendwo im Osten” nach Beginn des Zweiten Weltkrieges – nein: was hier während einer Gerichtsverhandlung dargestellt wurde, geschah im März des Jahres 1933 mitten im zivilisierten Deutschland der “Machtergreifung”, in der kleinen rheinhessischen Gemeinde Framersheim!

Solche Ereignisse heute, mehr als 50 Jahre nach dem unrühmlichen Ende des “Dritten Reiches”, zu beschreiben, sollte, so möchte man annehmen, leicht fallen; gerade der Historiker, von Hause aus eigentlich versehen mit der gebotenen professionellen Objektivität und dem nötigen zeitlichen Abstand von einem halben Jahrhundert, sollte vorurteilsfrei und nüchtern über jene Zeitspanne von 12 Jahren berichten können, die nicht ganz unpassend als die schwärzeste Epoche der deutschen Geschichte bezeichnet zu werden pflegt.

Doch weit gefehlt. Wer sich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte, zumal auf lokaler und somit unmittelbar nachvollziehbarer Ebene auseinandersetzt, wird auch nach besagten fünfzig Jahren und trotz aller Versuche, emotionslos und objektiv zu berichten, von den Ereignissen in ihren Bann gezogen und erlebt von neuem Bestürzung, Entsetzen und Abscheu über die Taten derjenigen, die sich als die “neuen Herren”, mitunter als “Herrenmenschen”, in einer zunehmend verrohenden Kulturnation fühlten sowie Trauer über die Opfer jener Gewalttaten, ausgeführt von verrohten Pogrombanden und (auch schon 1933!) schweigend hingenommen von der Mehrheit ihrer Mitbürger. Dies vorweg.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wenn mir die Gelegenheit eröffnet wurde, an dieser Stelle zu Ihnen zu sprechen und Ihnen meine Arbeit “Menschen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Der Alltag jüdischer Mitmenschen in Rheinhessen während des Dritten Reiches” vorstellen zu dürfen, so erfüllt mich dieser Umstand nicht nur mit Stolz, sondern es ist mir zugleich ein Anliegen, ein Kapitel der rheinhessischen und Mainzer Lokalgeschichte in aller gebotenen Kürze anzureißen, das uns auch heute noch betrifft und betroffen machen sollte.

“Jüdischer Alltag” im untersuchten Zeitraum bedeutet, sämtliche Facetten mit einzubeziehen, die soziales Leben ausmachen und somit eigentlich divergierende Bereiche zu einer Einheit zu verbinden. Unbewußte Handlungen und unreflektiertes Erleben alltäglicher Lebenssituationen wie etwa der tägliche Einkauf oder das zwar vorhandene, jedoch nicht vorherrschende Bewußtsein konfessioneller Unterschiede wurden, bedingt durch einen von außen importierten gesellschaftlichen Druck, nunmehr zu etwas Besonderem, zu bewusst erlebtem Lebensvollzug – der Alltag, die Routine, wurde unter diesen Bedingungen zu außergewöhnlichem und täglich bewusstem Handeln. Wer durch den Judenstern stigmatisiert sich auf die Straße traute, dem wurde jeder Spaziergang (sofern dieser überhaupt noch gewagt wurde!), jede notwendige ausserhäusige Besorgung, jeder Behördengang zum bleibenden (negativen und angstbehafteten) Erlebnis, zu einer nicht-alltäglichen, jedoch den Alltag bestimmenden Handlung.
Die Untersuchung des Alltagslebens deutscher Juden während des “Dritten Reiches” beinhaltet zweierlei:

Zum einen den Wechsel der Blickrichtung von der Gruppe und ihren Eliten, ihrer politischen und intellektuellen Führungsschicht hin zu einer Fokussierung auf den Einzelnen und seine individuellen Erfahrungen in einem brutalen Unrechtsstaat; zum anderen das Einbeziehen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen als unverzichtbare Grundlage der Untersuchung. Gerade im regional- und lokalhistorischen Rahmen ist ein solcher Wechsel von der gruppenbezogenen zur individuellen Betrachtungsweise nötig und sinnvoll. Die Beschreibung der allgemeinen Grundzüge nationalsozialistischer antisemitischer Judenpolitik, also der klassischen Herrschaftsgeschichte, und ihrer Auswirkungen auf die Betroffenen auf Reichsebene kann nur eine Säule sein, auf der eine Gesamtsicht des “Dritten Reiches” in Bezug auf die Judenpolitik ruht. Diese “Reichsebene” bedarf notwendigerweise, will man tatsächlich den gesamten Komplex beleuchten, einer Ergänzung durch regionale und lokale Untersuchungen. Erst durch die Konkretisierung der auf Reichsebene gewonnenen Erkenntnisse vermittels des Transfers auf die regional eingegrenzte Gruppe sowie das einzelne Individuum gelingt es, Herrschaftsstrukturen, Herrschaftspraktiken und deren Durchsetzung bei den einzelnen “Volksgenossen” transparent zu machen. Um jedoch die regionale/lokale Ebene wiederum beleuchten zu können, wird es in der Regel unumgänglich sein, sich mit der jeweiligen Landesgeschichte vertraut zu machen, die – selbst im totalitären nationalsozialistischen Deutschland- einen nicht unwesentlichen Einfluß auf die Ereignisse “vor Ort” hatte.

Ein Beispiel mag dies belegen: Widmet man seine Aufmerksamkeit dem Aprilboykott des Jahres 1933, so fällt es relativ leicht, festzustellen, wie die Organisation in einer Stadt wie Mainz ablief, welchen Verlauf der Boykott nahm und welche Unternehmen und Privatleute davon betroffen waren. Anhand von Augenzeugenberichten, Zeitungsnotizen und verschiedenen Archivalien läßt sich dies hervorragend dokumentieren. Eine solche lokal eng umrissene Betrachtungsweise würde jedoch wesentliche Faktoren des Aprilboykotts unweigerlich ausklammern: die parteiinternen Überlegungen zur “Beruhigung” der radikalisierten Anhänger des Nationalsozialismus, welche nach der “Machtergreifung” nun darauf warteten, ihre Revolution vollenden zu können, also die Schaffung eines durch die NSDAP und ihre Führung kontrollierbaren Ventils für den Aktionismus von SA und “Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes” sowie den in seinem Ergebnis letztlich erfolglosen, weil wirtschaftlich die betroffenen Juden kaum schädigenden Charakter des gesamten Boykotts.

Ähnlich verhält es sich mit den oft widersprüchlichen wirtschaftspolitischen Anordnungen, soweit sie die Juden betrafen; hier nur auf lokaler Ebene zu einem befriedigenden Untersuchungsergebnis zu kommen, erscheint gänzlich unmöglich. Zu sehr war die gesamte Judenpolitik des Nationalsozialismus mit außen- und innenpolitischen Fragen verwoben, als daß man sie unter Ausblendung der Ebene der Reichspolitik untersuchen könnte. Der angesprochene “Wechsel der Blickrichtung von der Gruppe zum Individuum” darf also nicht dazu verleiten, das Allgemeine, die “Große Politik” aus den Augen zu verlieren oder etwa, gefesselt durch das unmittelbar Nachvollziehbare der näheren Umgebung, falsche Schlußfolgerungen aus dem vorgefundenen Material zu ziehen. Besonderheiten, die sich aus den regionalen Untersuchungen ergeben, müssen stets im Rahmen der allgemeinen Entwicklungen gesehen und verstanden werden.

So könnte die Feststellung, daß in vielen rheinhessischen Orten die Pogrome des 9./10. November 1938 durch die einheimische Dorf- bzw. Stadtbevölkerung begangen wurden, zur Schlußfolgerung verleiten, die Behauptung, für jene Pogrome seien in der Regel Auswärtige verantwortlich gewesen (oftmals findet man in Texten die exkulpierende Wendung, es habe sich um “fremde, uns unbekannte SA- und SS-Männer” gehandelt), treffe nicht zu und sei eine Schutzbehauptung der jeweiligen Bevölkerung. Wenn dies auch im Einzelfall zutreffen mag, so sei hier vor Verallgemeinerungen gewarnt – Beispiele von passivem Verhalten der einheimischen nichtjüdischen Bevölkerung bei den Novemberpogromen lassen sich ebenso finden wie Belege für schützendes Eingreifen seitens der Bevölkerung für ihre jüdischen Nachbarn.

Ähnlich verhält es sich mit dem Vergleich von Konfession und Wahlverhalten: Der auffällige Befund, daß die NSDAP in denjenigen ländlichen Bezirken Rheinhessens die höchsten Stimmenanteile erhielt die mehrheitlich evangelisch dominiert waren und dort, wo katholische Mehrheiten bestanden, noch im März 1933 einen signifikant geringen Prozentsatz der Stimmen auf sich vereinigen konnte, kann unmöglich ohne weitere Untersuchungen verallgemeinert werden. Faktoren wie Dorfgröße, Wirtschaftsformen, Erbteilung, Arbeitslosenquote u.ä. wären hierbei ebenso zu berücksichtigen wie vergleichende Untersuchungen in anderen Landes- und Reichsteilen.
Eine gründliche Untersuchung des Alltags der jüdischen Minderheit in Rheinhessen bedarf also neben der möglichst umfassenden Beschreibung möglichst vieler Aspekte alltäglichen Lebens auch einer Berücksichtigung der regionalen und lokalen Gegebenheiten, der landesgeschichtlichen Besonderheiten und nicht zuletzt der Entwicklung der Judenpolitik auf Regierungsebene, bzw. deren Auswirkungen auf die Juden im gesamten Deutschen Reich. Erst vor dem Hintergrund der reichsweiten Entwicklung werden Strukturen auf regionaler Ebene verständlich und durchschaubar.

Warum diese Arbeit? Diese Frage, so banal sie auch klingen mag, stellt sich unweigerlich, unternimmt man es, die Zeit des Nationalsozialismus und insbesondere seine Auswirkungen auf die deutschen Juden zu untersuchen. Die Menge allgemeiner Arbeiten über die antijüdische Politik des “Dritten Reiches” ist mittlerweile unübersehbar geworden, ihre Zahl ist Legion. Waren es bis zu den siebziger Jahren hauptsächlich “herrschaftsgeschichtliche” Arbeiten, die das Gros der Untersuchungen ausmachten, so traten in der Mitte jenes Jahrzehnts verstärkt Studien in Erscheinung, die sich mit der Frage der alltagsgeschichtlichen Erfahrung nationalsozialistischer Herrschaft auseinandersetzten und welche versuchten, aus den unterschiedlichen Erfahrungen einer “Geschichte von unten” Leitsätze zum Verständnis des Systems totalitärer Herrschaft herauszuarbeiten.

Auch die seit den siebziger Jahren entstandenen regionalgeschichtlichen Studien, teils von renommierten Wissenschaftlern, teils jedoch auch von interessierten “Laien” verfaßt, hatten letztlich das Ziel, mittels der Beschreibung einer “Geschichte des kleinen Mannes” nicht nur Geschehnisse im engen lokalgeschichtlichen Rahmen darzustellen und somit Geschichte erfahrbar, weil nachvollziehbar, zu gestalten, sondern dadurch ebenfalls Antworten auf die Frage nach dem “Warum?” geben zu können. Angesichts dieses Befundes muß sich die Frage stellen, wozu eine weitere Untersuchung alltags- und regionalgeschichtlichen Ansatzes als notwendig erachtet wurde. Gibt es doch unzählige Artikel zu den unterschiedlichsten Bereichen deutsch-jüdischen Lebens in Mainz, Worms und den kleineren rheinhessischen Gemeinden; eine seit 1988 ständig anwachsende, mittlerweile fast unüberschaubar große Zahl von Schülerarbeiten, meist den engeren Umkreis der heimatlichen (Schul-)Welt behandelnd, sind insbesondere in den achtziger Jahren erstellt worden; nicht zuletzt erschienen seit dem fünfzigsten Jahrestag des (oftmals verharmlosend “Reichskristallnacht” genannten) Novemberpogroms einige größere regionale Studien zum Thema, deren Höhepunkt gewiß die 1992 erschienene glänzende Untersuchung von Dieter Hoffmann zu “Geschichte und Schicksal der Landjuden in Rheinhessen” darstellt.

Und obgleich gerade in dieser Arbeit der Versuch unternommen wurde, regionalgeschichtliche Studien, alltagsgeschichtlichen Ansatz und “große Politik” miteinander zu verbinden, blieb dieser (gelungene) Versuch doch auf den eng umschriebenen Bereich des heutigen Landkreises Alzey beschränkt, somit die beiden wichtigsten städtischen Zentren des rheinhessischen Judentums ausgrenzend. Eine Untersuchung jüdischen Alltagslebens während der Zeit des Nationalsozialismus gerade in den urbanen Zentren dieses Teils des heutigen Landes Rheinland-Pfalz bleibt somit weiter ein Desiderat.

Mit der nunmehr vorliegenden Arbeit zum Alltag der rheinhessischen Juden während der Zeit des “Dritten Reiches” hofft der Verfasser, wenigstens im Ansatz zum Füllen jener Lücke beizutragen. Die vorliegende Untersuchung verdankt ihr Entstehen mehreren Faktoren. Zum persönlichen Interesse des Verfassers an der Geschichte des deutschen Judentums, insbesondere während des 19. und 20. Jahrhunderts gesellte sich das im Verlaufe des Volkskundestudiums erwachende Interesse an alltagsgeschichtlichen Themen.

Zuletzt sorgte ein eher zufälliger Aktenfund für die endgültige Fokussierung auf die Alltagsgeschichte der Juden, zumal im eng begrenzten regionalen Umfeld Rheinhessens. So stieß der Verfasser im Verlaufe der Recherchen zu einer stadthistorischen Arbeit über das Stresemann-Ehrenmal auf den im Stadtarchiv Mainz lagernden “Nachlaß Michel Oppenheim”. Einmal fündig geworden, ließ die Faszination der vorgefundenen Akten den Verfasser nicht mehr los, und folglich bildete dieser Zufallsfund den Ausgangspunkt für weitere Forschungen zum Alltag rheinhessischer Juden während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Was sich in diesen Dokumenten offenbarte, die direkte Auswirkung nationalsozialistischer Judenpolitik auf einzelne Individuen, bestach durch die zu Tage tretende Unmittelbarkeit des anhand der Akten Nachvollziehbaren auf kleinstem Raum und die dadurch entstehende Betroffenheit beim Leser.

Die Unterlagen gewährten einen Einblick in das (all)tägliche Leben einer verfolgten Minderheit, die unter den Bedingungen von Anfeindung, Ausgrenzung und Verfolgung dennoch bestrebt war, ein “normales” Leben zu führen; ein Leben jedoch, welches, bedingt durch die äußeren Umstände, eigentlich weit davon entfernt war, “normal” genannt werden zu können. Die vorgefundenen Akten ermöglichten einen direkten Vergleich zwischen den antijüdischen Maßnahmen des nationalsozialistischen Unrechtsstaates und deren Auswirkungen auf das Leben der von ihnen betroffenen Opfer. Dies schien die Möglichkeit zu eröffnen, die Judenpolitik des “Dritten Reiches” in Beziehung zu den Erlebnissen von Menschen zu setzen, welche in einem Bereich lebten, den der Verfasser (und der Leser) aus eigener Anschauung kennt. Durch diese unmittelbar nachvollziehbare Erfahrung sollte es möglich sein, in der eigenen Stadt, der eigenen Lebenswelt etwas von dem zu spüren, was sich sechzig Jahre zuvor hier abgespielt hatte.

Eingedenk der Erkenntnis, daß jüdisches Alltagsleben während des “Dritten Reiches” nicht beschrieben werden kann, ohne Ausgrenzung und Verfolgung mit einzubeziehen; ja dass es gar nicht denkbar wäre ohne die restriktiven Maßnahmen der Herrschenden, wurde die vorliegende Arbeit unterteilt in allgemeine und daran anschließende spezielle, den rheinhessischen Alltag betreffende Abschnitte. Indem zunächst in einem Überblick die allgemeinen Grundzüge der antijüdischen Politik der nationalsozialistischen Machthaber, ihre Grundlagen und Verwirklichung, sowie ihre Auswirkungen auf das deutsche Judentum zur Darstellung kommen, soll der Leser in die Lage versetzt werden, sich einen Eindruck von der in den dreißiger und vierziger Jahren vorherrschenden Situation machen zu können. Sodann werden in den folgenden Kapiteln die Auswirkungen dieser Politik, aber auch der Reaktionen der deutschen Juden, anhand der Vorgänge in Rheinhessen beschrieben. Durch diese Unterteilung in inhaltlich abgeschlossene Kapitel soll, so die Hoffnung, das Dargestellte in übersichtlicher Weise dem Leser präsentiert werden.

Erlauben Sie mir hier noch einige persönliche Anmerkungen. Im Verlaufe eines mehrjährigen Akten- und Literaturstudiums war der Verfasser gezwungen, sich mit den Abgründen menschlichen Handelns beschäftigen zu müssen. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß beim Verfasser mehr als einmal angesichts des kalten bürokratischen Tones, der in den meisten Akten nationalsozialistischer Provenienz vorherrscht, und welcher in so krassem Gegensatz zu den Auswirkungen jener Anordnungen auf die einzelnen betroffenen Individuen steht, eine Wut auf jene Deutschen aufkam, die sich, ungeachtet der persönlichen Gründe, zu “willigen Vollstreckern” einer zutiefst unmenschlichen Politik gemacht haben.

Waren diese “willigen Vollstrecker” auf der Reichsebene anonyme Personen für den Verfasser, deren Namen zwar bekannt sind, die jedoch weit außerhalb der täglichen Lebenssphäre liegen, so begegneten ihm in den aktenkundig gewordenen Vorgängen seiner engeren Heimat mehr als einmal bekannte Namen – Namen von Tätern oder Nutznießern, die noch heute, hochbetagt, als geachtete Bürger in Rheinhessen leben, während ihre Opfer oftmals nicht die Chance hatten, ein hohes Alter zu erreichen! Angesichts dieses Umstandes größtmögliche Objektivität zu wahren und zu vergessen, daß in unmittelbarer Nachbarschaft Menschen leben können, die von den unmenschlichen Vorgängen der Jahre von 1933 bis 1945 profitiert haben oder zumindest tatenlos zuschauten, war nicht immer leicht. Wenn der Verfasser nunmehr die Ergebnisse seines Aktenstudiums vorlegt, so geschieht das nicht, ohne der Hoffnung Ausdruck zu geben, dass mit der vorgelegten Studie ein Anreiz geschaffen wird zu eigener Beschäftigung mit den Auswirkungen totalitärer Herrschaft auf das tägliche Leben und dass damit ein weiterer Beitrag zur Klärung geleistet wird, wie sich nationalsozialistische Herrschaft an der Basis, beim “einfachen Volk” abgespielt hat.

Erlauben Sie mir abschließend noch eine letzte Bemerkung:

“Noch einmal wird der Jude als Fremder bezeichnet: ‚Juden’. Er hielt kurz in der Stadt an, und dann verläßt er sie. Mainzer Juden fühlten sich nicht wie zeitweilige Bürger – sie waren weder wie die ‚Franzosen in Mainz’ nach dem ersten Weltkrieg noch wie die ‚Türken in Mainz’, die jetzt als ‚Gastarbeiter’ dort leben. Leider haben die Veranstalter der Ausstellung diesen offensichtlich unbewußten Fehler gar nicht bemerkt, nämlich, daß der Deutsche – und Mainzer Bürger – immer noch als ‚Jude’ betrachtet wird. Solch ein Fehler ruft alle Schmerzen der Vergangenheit hervor.”

Dieser erbitterte Brief macht die Misere deutlich, mit der sich zwangsläufig jeder, der jüdische Geschichte in Deutschland zu beschreiben trachtet, auseinanderzusetzen hat. Schon bei der Wahl des Titels wird deutlich, wo der Autor steht, wie er sich zum Judentum, bewusst oder unbewusst, verhält:

“Geschichte der Juden in …”; “Deutsche und Juden …” – schon anhand von Buchtiteln kann Dissimilation betrieben, Fremdheit erzeugt werden! Wer “die Juden” als fremde Volksgruppe innerhalb Deutschlands darstellt oder gar einen Unterschied zwischen “Deutschen” und “Juden” sprachlich herausarbeiten zu müssen glaubt, disqualifiziert seine Arbeit in den Augen derer, denen es ein Anliegen ist, die Geschichte jüdischen Lebens als Teil der deutschen Geschichte zu begreifen und nahezubringen. “Jude” ist kein Schimpfwort! “Das Wort ist nicht beleidigend. Wenn es Ihnen dennoch nur schwer über die Lippen kommt, dann hat das damit zu tun, daß irgendwo in Ihrem Hinterkopf noch Rudimente früherer Zeiten stecken. Das allerdings ist Ihr Problem, nicht unseres.” Es kann als Bezeichnung für diejenigen Deutschen durchaus Verwendung finden, die nicht sonntags, sondern am Sabbat ihr Gotteshaus aufsuchen oder, sofern sie nicht religiös sind, sich auf Grund ihrer Herkunft von einer jüdischen Mutter als “Juden” verstehen und fühlen.

Womit das nächste Problem schon angedeutet ist: Die Herkunft von der jüdischen Mutter, durch rabbinische Vorschriften der einzig legitime Zugehörigkeitsbeweis zur jüdischen (Religions-) Gemeinschaft, erinnert gewiss so manchen Betrachter an Zeiten, als Begriffe wie “Rasse” oder “Volkstum” en vogue waren. Aber die Bestimmungen der Gemeinschaftszugehörigkeit zum Judentum sind älter als selbst die abstrusesten Rassevorstellungen! Sie deshalb mit den Religionsvorschriften gleichsetzen zu wollen, bedeutet eine bösartige Verdrehung der Geschichte!

Aber auch das Gegenteil ist schädlich: Wer ununterbrochen von seinen “jüdischen Mitbürgern” redet (dies vornehmlich in öffentlichen Verlautbarungen!), sollte nicht erwarten, daß der so Angesprochene sofort mit ihm Brüderschaft trinkt! Der Begriff des “Jüdischen Mitbürgers”, ursprünglich wohlgemeinte Reintegration nach den Erfahrungen des “Dritten Reiches”, hat durch seinen unermüdlichen Einsatz einen schalen Klang bekommen – zumindest bei den so Angesprochenen! So lobenswert der Versuch auch ist, den ehemals Ausgeschlossenen und Verfolgten das Gefühl zu vermitteln, Teil der Gesellschaft zu sein, die sie jahrhundertelang ausgeschlossen hatte – allzu häufiger, oftmals effekthascherischer Gebrauch machte die Redewendung zu einer leeren Worthülse, dadurch ihren Sinn geradezu ins Gegenteil verkehrend! Wenn heute noch der “jüdische Mitbürger” beschworen wird, so geschieht das oftmals mit einem gewissen weinerlichen, Verzeihung erheischenden Unterton – damit wird jeder noch so gut gemeinte Appell an Humanität und Nächstenliebe zunichte gemacht!

Juden einfach als Menschen anzuerkennen, die eine persönliche Geschichte haben – das sollte letztlich das Ziel sein. Ungeachtet dieser Erkenntnis widmet sich jedoch die Erforschung der jüdischen Geschichte in Deutschland gerade demjenigen Aspekt, der aus dem jüdischen Deutschen/deutschen Juden etwas “Besonderes” macht! Gerade seine “Andersartigkeit” (und wenn sie auch nur von außen an ihn herangetragen wurde!) macht ihn für die Forschung so interessant. Mit diesem Widerspruch zu leben und aus ihm das Beste zu machen, bleibt Aufgabe einer jeden Beschäftigung mit dem Phänomen “Judentum” und der jüdischen Geschichte gerade in Deutschland! In diesem, im besten “aufklärerischen”, Sinne hofft der Verfasser einen Beitrag zum Verständnis dessen geleistet zu haben, was jüdisches Leben in Deutschland ausmachte und noch immer ausmacht.

Sachor! Erinnere dich!

______________________________________________________________________

Rede von Dr. Michael Brodhaecker anläßlich der Buchvorstellung am 8. Dezember 2000. Das Buch kann per Mail oder im Buchhandel bestellt werden (ISBN: 3-926052-25-2).