“Volksmedizin” im frühen 20. Jahrhundert

Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz Band 28

Michael Simon
“Volksmedizin” im frühen 20. Jahrhundert
Zum Quellenwert des Atlas der deutschen Volkskunde

Mainz 2003, 286 Seiten, mit 25 Abbildungen und 16 Tabellen
ISBN: 3-926052-27-9
Preis: € 28,50

Besprechungstext (Quelle: Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz)

Als 1928 die Arbeiten zum Atlas der deutschen Volkskunde (ADV) aufgenommen wurden, startete das teuerste geisteswissenschaftliche Projekt, das in der Zwischenkriegszeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde. Im Mittelpunkt der Arbeiten stand die Durchführung von Befragungen in mehr als 20.000 Schulorten des deutschsprachigen Raums mit dem Ziel, auf der Grundlage thematischer Karten ein “Inventarbuch” zur deutschen Volkskultur zu erstellen. Gleichzeitig erhoffte man sich von den Erhebungen einen letzten Blick auf die schwindenen Traditionen im ländlich-bäuerlichen Bereich sowie Hinweise auf das Vordringen von Neuerungen in der Gegenwart.

Nach der Machtübernahme 1933 geriet das prestigeprächtige Projekt schnell unter nationalsozialistischen Einfluß. In klarer Distanz zu diesen Versuchen wurde ab den 1950er Jahren das Atlasprojekt fortgeführt, bis es nach 1970 mit den Diskussionen um den “Abschied vom Volksleben” aus den Schlagzeilen volkskundlicher Forschungen verschwand.

In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch einer neuerlichen Annäherung an das Atlasmaterial unternommen. Am Beispiel ausgewählter aus dem Themenkreis der sogenannten “Volksmedizin” wird der Quellenwert der einst erhobenen Antworten mit den Möglichkeiten der modernen elektronischen Datenverarbeitung geprüft und diskutiert.

Genauere Darstellung erfahren dabei zum einen die Umstände, unter denen das Material einst erhoben wurde, zum anderen die Mitarbeiter des ADV, die für die Beantwortung der Fragen zuständig waren. Ihre Aussagen lassen am Ende klare Unterschiede im Hinblick auf die Anwendung “volksmedizinischer” Praktiken, etwa beim Besprechen von Krankheiten, im mitteleuropäischen Raum erkennen. Das Ergebnis wird in Verbindung mit anderen Quellenaussagen als historische Momentaufnahme präsentiert und im Hinblick auf die verantwortlichen Faktoren analysiert. Die Arbeit schließt mit einer Reihe neuer Forschungsfragen, welche letztlich die Bedeutung des Atlasmaterials als historische Quellengruppe für die Erforschung der Alltagskultur im frühen 20. Jahrhundert unterstreichen.

Das Buch kann per Mail oder im Buchhandel bestellt werden
(ISBN: 3-926052-27-9).