15 – 1 / 2000: Der Brauch im Jahreslauf

 

Gunther Hirschfelder
Der Brauch im Jahreslauf zwischen Wissenschaft und journalistischer Praxis


Vorbemerkung

Unter der Überschrift „Der Brauch und seine Darstellung in den Medien“ hat die Abteilung Kulturanthropologie/Volkskunde des Deutschen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Sommersemester 2000 ein Hauptseminar angeboten, an dem 33 Studierende teilnahmen.

Der Brauch ist eine zentrale Kategorie der Universitätsdisziplin Volkskunde. Zwar hat sich das Fach in den letzten drei Jahrzehnten zur Soziologie und zu den verschiedenen verwandten Feldern der Geschichtswissenschaften hin geöffnet; aber der Trend, immer neue Themenfelder zu besetzen, hat eine Gegenströmung ausgelöst, die bestrebt ist, auch weiterhin Fragen nachzugehen, die eher in der Mitte als am Rand des volkskundlichen Kanons liegen. So sind in der Folge der Arbeiten, die Ingeborg Weber-Kellermann sowie Herbert und Elke Schwedt in den 1980er Jahren vorgelegt haben, grundlegende und vielbeachtete Darstellungen zum Komplex Brauch entstanden. Die Aktualität dieses Forschungsfeldes verdeutlicht schließlich die Tatsache, daß der Brauch in jüngster Zeit auch zunehmend interdisziplinäre Beachtung findet.

 

Kulturanthropologie und Medien

Ist die Relevanz einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Brauch also unbestritten, bleibt die Frage, welchen Stellenwert die journalistische Praxis für die Universitätsvolkskunde hat. Die Antwort lautet: Sie hat in der Theorie nur eine geringe Bedeutung, spielt aber in der Realität inzwischen eine sehr wichtige Rolle. Das hängt zum einen mit der verschärften Situation auf dem Arbeitsmarkt zusammen, denn die Chancen, einen Arbeitsplatz in den klassischen volkskundlichen Arbeitsbereichen zu finden, sind nur gering.

Zum anderen hat sich der Journalismus gerade in der Medienstadt Mainz inzwischen zu einem der wichtigsten Arbeitsbereiche für Absolventen des Faches Kulturanthropologie/Volkskunde entwickelt. Das hängt zunächst damit zusammen, daß das öffentliche Interesse an den volkskundlichen Aspekten der Kultur sehr groß ist. Da sich vor allem Hörfunk und Fernsehen in einem permanenten Expansionsprozeß befinden, gibt es immer mehr Sendeplätze, die es so kompetent zu füllen gilt, daß eine hohe Einschaltquote erreicht wird. Diese Einschaltquote wiederum spiegelt die Interessen der Rezipienten wider. Und die Rezipienten bekunden ein zunehmendes Bedürfnis nach fundierter Information und Unterhaltung mit einer regionalspezifischen Akzentuierung: Sie sind auf der Suche nach Identität. Bezüglich der Themenfelder und der Fragestellungen liegt die Kulturanthropologie/Volkskunde somit an der Schnittstelle zwischen medialen Bedürfnissen und wissenschaftlichem Angebot.

Da die Medien also ein idealer Arbeitgeber für die Absolventen der Disziplin sind, lag es auf der Hand, die Zusammenarbeit zwischen Universitätsvolkskunde und praktischem Journalismus zu intensivieren, zumal es in der Vergangenheit sowohl in Bonn als auch in Würzburg in diese Richtung gehende Versuche gegeben hat. Ziel unseres Hauptseminars ist es also, auf die Lücke zwischen medialen Bedürfnissen und wissenschaftlicher Brauchforschung hinzuweisen, zu ihrer Schließung beizutragen, dem in der Regel theorielastigen Universitätsstudium eine stärkere Praxisorientierung zu geben und berufliche Perspektiven aufzuzeigen.

 

Die Konzeption des Seminars

Die Konzeption des Seminars enstand dabei in enger Abstimmung mit erfahrenen Journalisten. Thomas Carlé (Filmhaus e.V., Frankfurt/M.), Winfried Folz (Mainzer Redakteur der in Ludwigshafen erscheinenden Zeitung „Rhein-pfalz“), Martin Cordes (ZDF) und Günter Schenk (ZDF) waren bereits an der Planung beteiligt; alle beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit kulturwissenschaftlichen Themen. Vor allem Günter Schenk, von Hause aus Nachrichtenredakteur, ist bislang auch mit einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten zu Bräuchen in Erscheinung getreten. Mit großem Erfolg vermarktet er seine volkskundlichen Beobachtungen und Reportagen darüber hinaus sowohl in den regionalen als auch in den überregionalen Printmedien. Sein in der „Mainzer Allgemeinen Zeitung“ erschienener Text „Wie der Hase zu den Eiern kam. Osterbräuche einst und jetzt“ wurde daher zu Beginn des Seminars im Plenum diskutiert und diente gewissermaßen als Vorlage für die studentischen Beiträge.

Wie verläuft das Seminar in der Praxis? Der Kanon der zu behandelnden Bräuche ist vorgegeben, wobei viele Studierende ihre Vorstellungen bereits im Vorfeld eingebracht haben. Zunächst wurde im Seminar aber die methodische Recherche anhand publizistischer Standardliteratur thematisiert und diskutiert. Sie führt von der Einschätzung der Relevanz über das Überprüfen der Information, die Erweiterung der Sachverhaltsinformation, einer Hypothesenbildung und -überprüfung schließlich zur Textabfassung. Anschließend wurden die verschiedenen journalistischen Darstellungsformen (Zeitungsbericht, Feature, Nachrichtenmagazingeschichte, Hintergrundbericht und Reportage) sowie die wissenschaftlichen Grundlagen kulturanthropologisch-volkskundlicher Brauchforschung diskutiert. Wichtige Kriterien waren die publizistische Relevanz und der mediengerechte Schreibstil.

Ab der zweiten Seminarstunde wurden die kulturanthropologisch-volkskundlich wichtigen Themen aus dem Bereich der Brauchforschung in wissenschaftlichen Kurzreferaten vorgestellt, wobei detaillierte Handouts eine stoffliche Vertiefung ermöglichen. Anschließend präsentieren die Studierenden ihre mediengerecht aufgearbeiteten Pressetexte und diskutieren sie im Plenum. Die Texte müssen dabei sowohl wissenschaftlichen als auch journalistischen Ansprüchen genügen.

Da die bereits an der Planung beteiligten Journalisten in den Seminarstunden häufig zu Gast sind und viele der Teilnehmer und Teilnehmerinnen darüber hinaus bereits über eigene Medienerfahrungen verfügen, wird z.T. ein recht hohes journalistisches Niveau erreicht. Schon vor der jeweiligen Präsentation im Seminar mußten die Studierenden Kontakt zu Zeitungen, Hörfunk oder Fernsehen herstellen und mit der Vermarktung ihrer Produkte beginnen. Ihre Endprodukte sollen in der Regel aber erst nach der Diskussion im Seminar veröffentlicht werden, um die Ergebnisse der Gruppenkritik umsetzen zu können. Zu den integrativen Bestandteilen der Studienleistung gehört auch die jeweilige Vermarktungsstrategie: Zielgruppenorientierung, Kontaktaufbau zu Redaktionen und formale Verkaufsstrategie.

 

Veröffentlichungen

„Wo ist der Palmesel geblieben?“ Diese Frage beantworteten Catrin Pflöschner und Bettina Kolbe in der zweiten Seminarstunde. Ihr Artikel wurde am 15./16. April 2000 sowohl im „Öffentlichen Anzeiger“ (Bad Kreuznach) als auch in der Zeitung „Hessenbauern“ (Friedrichsdorf/Taunus) veröffentlicht. Darüber hinaus brachte die „Rheinpfalz“ eine gekürzte Form auf ihrer Kinderseite. In der Karwoche stellte Silvia Karmanski ihren Text „Von Trommeln und Fischen oder ‚Leid ist relativ‘. Karfreitagsbräuche“ vor; Laura Dahm und Julia Kühn präsentierten ihre Arbeit über den „Osterhasen-Schwindel“, der kurzfristig in einer Lokalzeitung publiziert werden konnte. Die von Christian Probst und Christina Haße verfaßten Artikel über die Erstkommunion und den Mai-feiertag können aus Termingründen voraussichtlich erst im kommenden Jahr veröffentlich werden.

„Der verlobte Tag“ – mit diesem lokalspezifischen Brauch der Gemeinde Flörsheim am Main beschäftigten sich Jens Dehn und Günther Wagner. Traditionsgemäß findet das Ereignis am letzten Montag im August statt. Dehn und Wagner planen sowohl einen Hörfunk- als auch einen Fernsehbeitrag, den sie in Absprache und in enger Zusammenarbeit mit den Regionalmagazinsendungen „Meridian“ und „Hessenschau“ des Hessischen Rundfunks produzieren werden; von beiden liegt eine feste Zusage vor. Im Seminar präsentierten die Autoren in der ersten Mai-Sitzung eine Ideenskizze, die im Plenum diskutiert wurde, so daß die Ergebnisse der Gruppenkritik in das Projekt einfließen konnten. Freilich ist diese Form der Vermarktung nur deshalb möglich, weil Günther Wagner bereits über eine langjährige Medienerfahrung als freier Fernsehjournalist verfügt. Ähnliches gilt für Christiane Valerius, die in Abstimmung mit dem Seminar derzeit einen Fernsehbeitrag über den volkskundlich zentralen Brauch des Richtfestes produziert.

Im weiteren Verlauf des Seminars wurden dann wieder Produkte präsentiert, die für die Printmedien geschrieben waren: Die Taufe (Jochen Trümper), der Muttertag in Deutschland (Stefan Schaaf) und in der Türkei (Silke Scharhag), Christi Himmelfahrt (ein Artikel von Angelika Ströhlein, deren Text in der „Passauer Neuen Presse“ erschienen ist, sowie ein Text von Christof Deubel), Glücks- und Unglückstage (Horst Bahr). Die Pfingstbräuche standen im Mittelpunkt der Untersuchung von Monja Eigenschenk, die seit 1993 als freie Mitarbeiterin für die in Idar-Oberstein er-scheinende „Nahe-Zeitung“ tätig ist. Deshalb war es ihr möglich, dort eine komplette Seite im Lokalteil gestalten zu können, die in der Pfingstausgabe des Jahres 2000 erschien.

Marion Müller beschäftigte sich mit dem Mailehenbrauch, den sie als teilnehmende Beobachterin erlebte und unter der Frage nach der Konstruktion von Männlichkeit darstellte. Zusagen über eine Veröffentlichung liegen ihr von der überregionalen „taz“ (Berlin) und vom „Rheinischen Merkur“ (Bonn) vor. Darüber hinaus wurde die Autorin für ihren Text mit dem ersten Preis des Essay-Wettbewerbs ausgezeichnet, der im Rahmen der Aktionstage zur Frauen- und Geschlechterforschung Anfang Juni an der Universität Mainz verliehen wurde.

Ob die im Juni und Juli präsentierten Artikel ähnlich erfolgreich vermarktet werden können, stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest; da die Strategien aber in jeder Stunde neu diskutiert werden, können die jeweiligen Referenten von den Erfahrungen der ersten Semesterhälfte profitieren, so daß die Chancen steigen. In der ersten Juni-Sitzung haben Meike Bohn und Barbara Prysak sich mit der Sommersonnenwende bzw. mit Fronleichnahm beschäftigt. Für ihre Arbeiten liegen u.a. feste mündliche Zusagen des „Ostpreußenblattes“ (Hamburg) und der kirchlichen Zeitung „Glaube und Leben“ vor. In den letzten Seminarsitzungen wird Nadine Börner den Johannistag untersuchen, Christine Kleinjung das Schützenfest und Angelique Wolf Halloween. Abschließend werden Daniel Fellenzer (Kirchweih), Fritz Enderlin (Hochzeits-jubiläen) und Heiko Schmitt (Sterbebräuche) ihre Ergebnisse vorstellen.

 

Fazit

Obgleich es in der Mitte des laufenden Projektes zu früh ist, ein abschließendes Fazit zu ziehen, kann der bisherige Verlauf aber durchaus als Erfolg ge-wertet werden. Davon zeugen das große Engagement der Studierenden und die Bereitschaft, sowohl bei der Recherche als auch bei den Vermarktungsversuchen deutlich mehr Zeit zu investieren, als es im Rahmen von Haupt-seminaren üblich ist. Das betrifft vor allem die Kommunikation mit den ent-sprechenden Redaktionen sowie die Nutzung des Internet. Positiv wurde darüber hinaus die Zusammenarbeit mit den erfahrenen Journalisten aufgenommen.

Freilich ist aller Anfang schwer, und vor allem diejenigen Studierenden, die bislang keine Medienerfahrung hatten, mußten doch schwierige Hürden überwinden, um sich in neue Arbeitsweisen, Ausdrucksformen und Kommunikationsstrukturen einzufinden. Da es sich aber um ein Projekt handelt, das kaum auf Vorarbeiten oder vorhandene Strukturen zurückgreifen konnte und dem ein hohes Maß an experimentellem Charakter zueigen ist, versteht sich dieses Seminar eher als Anstoß zu einer neuen, offenen, praxis- und erfolgsorientierten Unterrichtsform, bei der die wissenschaftlichen Ansprüche mit den Erfordernissen des Arbeitsmarktes und damit den spezifischen Bedürfnissen der Studierenden in Einklang gebracht werden müssen.

Die folgenden Texte stellen eine Auswahl der im Seminar präsentierten Texte dar. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Zeitschrift ist der Hinweis besonders wichtig, daß es sich um journalistische Texte mit wissenschaftlichem Anspruch handelt und nicht um rein wissenschaftliche Arbeiten.

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Der Artikel ist in Heft 15/1 2000, Seite 2-7, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.