15 – 1 /2000: Tschugujewka II am Rhein

 

Achim Reinhardt
Tschugujewka II am Rhein – zwölf Jahre nach Ankunft der Pfingstler.
Bemerkungen zu Migration und Kulturtransfer am Beispiel der „Pfingstgemeinde“ in Guntersblum

 

„Versilberte Integration“ oder Aufgabe der Zukunft?

„Über beide Ohren“ strahlte der Guntersblumer Bürgermeister, so erfahren wir aus der Mainzer Allgemeinen Zeitung vom 26. Oktober 1991, als er in Köln von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ausgezeichnet wurde. Der Grund für seine Freude: Unter 64 Mitbewerbern hatte die rheinhessische Gemeinde die Silbermedaille im Wettbewerb „Vorbildliche Integration von Aussiedlern“ gewonnen. Ein klares Zeichen gegen die Ausgrenzung von Mitbürgern hätten die Guntersblumer gesetzt, betonte Schirmherrin Süssmuth, als sie dem Bürgermeister die Auszeichnung überreichte. Und der Autor des Zeitungsartikels hob stolz die Verdienste der Gemeinde in die Schlagzeile: „Guntersblum für Integration der Evangeliumsgemeinde ausgezeichnet.“ Wenige Monate vor der Preisverleihung war eine Kommission nach Guntersblum gekommen, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Die gesammelten Eindrücke der „Hilfsbereitschaft und des Bürgersinns“, so erfahren wir aus der Zeitung, hatten der Jury imponiert.

 

Fremde Welt – Vom fernen Osten nach Guntersblum

Seit Ende 1988 leben in Guntersblum – einem rheinhessischen Ort zwischen Mainz und Worms mit 3.000 Einwohnern – rund 200 Neubürger: Zu 80 Prozent handelt es sich dabei um deutschstämmige Aussiedler, zu zwanzig Prozent um Russen. Diese sogenannte Pfingstgemeinde war 1987 aus Tschugujewka in die Bundesrepublik gekommen. Tschugujewka liegt 300 Kilometer nördlich von Wladiwostok in Ostsibirien und ist mehr als 12.000 Kilometer von Rheinhessen entfernt. Die Aussiedler gehören der Pfingstbewegung an, einer in der UdSSR verfolgten christlichen Strömung. Der Sprung von der Wildnis der Taiga in die Welt der Supermärkte war bestimmt nicht leicht. Doch glaubt man den Juroren des Wettbewerbs und dem Zeitungsartikel, bereitete dies den Aussiedlern offensichtlich keine Probleme: Etwa drei Jahre, nach ihrer Ankunft in Guntersblum, waren die Pfingstler angeblich bereits integriert.

Zu schön, um wahr zu sein? In der Tat, die Wirklichkeit sah nämlich anders aus: „Bis jetzt ist die Gruppe nicht in das Gemeindeleben von Guntersblum integriert“, stellte eine volkskundliche Forschungsgruppe der Johannes Gutenberg-Universität Mainz nach umfangreichen Recherchen noch im Jahr der Preisverleihung, 1991, fest. In einem Zwischenbericht des ehemaligen evangelischen Pfarrers in Guntersblum aus dem Jahr 1996 zur Integration der Pfingstler hören wir den gleichen Tenor.

Hat sich an diesem Befund etwas geändert? Rund zwölf Jahre nachdem die Pfingstler nach Guntersblum gekommen sind, versucht die vorliegende Arbeit, den Ist-Stand zu skizzieren. Es soll im Vergleich mit der Studie von 1991 die Entwicklung der Gemeinde aufgezeigt werden. Vor allem der Fortschritt des Kulturtransfers soll ins Visier genommen werden: Uns interessiert, was die Pfingstler an „kulturellem Handgepäck“ mitgebracht hatten und welche Einflüsse sie vom Gastland empfingen.

Zu diesem Zweck suchte der Autor daher erneut den Kontakt mit den Gesprächspartnern des Jahres 1991. Die geeigneten Interviewpartner wurden nach dem Gewährsmannprinzip gewählt: Der ehemalige Bürgermeister deckte als Zeitzeuge die Jahre von 1991 bis 1999 ab, für die Zeit nach der Kom-munalwahl gab sein Amtsnachfolger Auskunft. Die Sicht der Pfingstler schilderte ihr aktueller Sprecher. Eine quantitative Befragung unter den Aussiedlern schien aufgrund der nach wie vor skeptischen Haltung der Pfingstler gegenüber Fragestellern nicht durchführbar. Die Ablehnung von „neugierigen Interviewern“ liegt wohl auch im Medienrummel Ende der 80er Jahre begründet, der zwar mittlerweile abgeebbt ist, aber den Aussiedlern offensichtlich immer noch Angst bereitet.

Im Vorfeld wurde ein Fragenkatalog erarbeitet, der die Themenbereiche der Untersuchung umriß. Dem ging eine Auseinandersetzung mit Publikationen zu Integrationsproblemen von Aussiedlern voraus. Weil als Norm der Feldforschung die gleichwertige und gegenseitige Kommunikation zu gelten hat, richtete sich der Fragesteller nach der Gesprächssituation und dem Fluß der Unterhaltung. Auch mit Blick auf den zu erwartenden Ertrag wurde diese Methode gewählt, sie erschien sinnvoller als ein automatisiertes Abhaken von Fragen. Wichtige Fragen, die zunächst nur am Rande beantwortet oder umgangen wurden, stellte der Interviewer beispielsweise zu einem späteren Zeitpunkt nochmals. Eine strenge Normierung der Interviews war hier selbstverständlich nicht möglich. Der Beobachtungszeitraum reichte vom Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme im Januar 2000 bis zum März des gleichen Jahres.

 

„Tschugujewka II“: Aussiedler in Guntersblum Anfang der 90er Jahre

Bevor die aktuelle Situation in Guntersblum ins Visier genommen wird, muß kurz zusammengefaßt werden, was die volkskundliche Studie von Anfang der 90er Jahre zu unserem Untersuchungsgegenstand aussagt. Federführend bei der Ansiedlung der Pfingstler war der damalige Bürgermeister Guntersblums. Er befürchtete keine Probleme bei der Ansiedlung der Gruppe, vielmehr erhoffte er sich einen willkommenen „Rücktransfer von Werten“ für die Einheimischen, sprach von einem „Hereinnehmen positiver Kräfte“. Diese Aussage bezog er auf das strenge religiöse Leben und den Fleiß der Aussiedler.

Neben der guten Vermittelbarkeit von Aussiedlern auf dem Arbeitsmarkt war der Bürgermeister besonders von der funktionierenden Gemeinschaft beeindruckt, die ein „Netz von Verlässlichkeit“ darstelle. Er erhoffte sich eine Rückbesinnung der Gunterblumer auf Werte, die in der Gesellschaft der BRD als antiquiert galten. Der Guntersblumer Gemeinderat votierte einstimmig für den Verkauf des Baulands. Die Pfingstgemeinde erwarb 13.000 Quadratmeter Land, das in einzelne Bauplätze von 600 Quadratmetern Größe aufgeteilt wurde. Von April 1989 an entstanden 18 Ein- bis Zweifamilienhäuser. Für die Übergangszeit wurden die 18 Familien in Privathäusern in Guntersblum und in Nachbargemeinden untergebracht.

 

Integration der Pfingstgemeinde

Alle Mitglieder der Pfingstgemeinde unterlagen einer umfassenden Einbindung in die religiösen und profanen Aktivitäten der Gruppe, sie lebten in einem geschlossenen Wohngebiet zusammen und pflegten kaum Kontakte zu Nicht-„Pfingstlern“. Es bestand ein hohes Maß an sozialer Kontrolle, die Gruppe erschien nach außen strikt abgegrenzt und nach innen konform. Ihre religiös bedingten Werte, ihr Erscheinungsbild und ihre Lebensgewohnheiten hatten sie nach Guntersblum mitgebracht und in der Isolation ihrer Wohnsiedlung in der Anfangsphase weitgehend bewahrt. Es gab – neben kritischen Stimmen – vielfältige Bestrebungen bei den Guntersblumern, die Aussiedler zu integrieren. Die Basis für weiteren Austausch wurde gelegt. Vor allem die Arbeitsstelle – so wurde deutlich – war in der Folgezeit als Ort des gedanklichen Austauschs zentral für die weitere Entwicklung.

Am Beispiel des Hausbaus konnten wir den Kulturtransfer beobachten: Die Pfingstler erlernten bundesrepublikanische Handwerkstechniken und sammelten Erfahrung im Umgang mit ihnen zunächst unbekannten Materialien. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Guntersblumer Architekten wirkten bundesrepublikanischer Hausbau und die Bedürfnisse der Pfingstler aufeinander ein.

Die Studie von Anfang der 90er Jahre gibt nur Aufschlüsse über die Zeit der unmittelbaren Eingewöhnungsphase der Gemeinde in Guntersblum. Welche Fragen ergeben sich für die Untersuchung des Status quo? Interessant wird es sein zu erfahren, ob die Abschottung der „Pfingstgemeinde“ nach außen aufrechterhalten werden konnte. Außerdem sollte ermittelt werden, ob sich die religiös begründete Rollenverteilung von Männern und Frauen verändert hat. Welche Veränderungen ergaben sich durch neue Lebensperspektiven für jüngere Frauen, die eine berufliche Ausbildung durchlaufen haben? Wurden durch die Berufsausbildung emanzipatorische Bedürfnisse geweckt und wie wurden sie verarbeitet?

Der Kinderreichtum der Gemeinde wird ebenfalls zu verfolgen sein. Welchen Weg gehen jugendliche Gemeindemitglieder, die nicht mehr in Guntersblum wohnen können? Und schließlich: Wie lange können die religiös geprägten Werte der Pfingstgemeinde gegenüber den säkularen Werten unserer Gesellschaft standhalten, und inwieweit beeinflussen andere Pfingstgruppen in Deutschland die Guntersblumer Evangeliums-Christengemeinde? Im folgenden sollen diese Fragen beleuchtet werden.

 

Zwölf Jahre später: Wie hat sich „TschugujewkaII“ entwickelt?

Die Situation der Pfingstler stellt sich heute nur wenig anders dar als vor knapp zwölf Jahren: Unisono heißt es in den Interviews, die hochgesteckten Ziele seien noch lange nicht erreicht: „Es hat den Eindruck, daß sie sich abschotten heute“, sagt der amtierende Ortsbürgermeister. „Die Integration ist nicht so gelungen, wie wir uns als Gemeinde das damals gewünscht haben“, gibt auch der damals für die Ansiedlung verantwortliche Ex-Ortsbürgermeister zu. Bei kirchlichen Festen hätten sie zunächst zwar Präsenz gezeigt, doch das habe bald nachgelassen. Die Aussiedler gingen zu den Wahlen, doch weder in Parteien noch in Gremien des öffentlichen Lebens in der Gemeinde Guntersblum seien sie vertreten.

Über die Bewertung des Wandels im Laufe der Jahre herrscht trotz unterschiedlicher Nuancierungen Einigkeit: Eine bemerkenswerte Öffnung gegeüber den Guntersblumern hat nach Ansicht des amtierenden Ortschefs nicht stattgefunden, lediglich vorsichtige Versuche habe es gegeben. Die „Ghettobildung“ der Pfingstler sei also selbstgewollt. Anfang der 90er Jahre seien die Aussiedler beispielsweise nicht auf das Angebot eingegangen, kostenlos Mitglied eines Vereins zu werden. Daran habe sich bislang nichts geändert.

Der ehemalige Bürgermeister sieht die Lage indes optimistischer: Die Abgrenzung von Anfang der 90er sei überwunden. Mit „bedachten Schritten“ versuchten die Pfingstler nun, sich der Gemeinschaft anzunähern. Durch Kindergarten und Schule nähmen die Kinder und Jugendlichen der Pfingstgemeinde die Lebensweise der Guntersblumer an. Die Kontakte seien allerdings noch „zaghaft“. Der Ex-Ortschef steht hier unter einem Rechtfertigungsdruck – er war es, der damals positive Bilder vom Zusammenleben der Guntersblumer mit der Pfingstgemeinde entworfen hatte. Doch der Sprecher der Aussiedler bestätigt diese Sicht: „Ist besser geworden im Lauf der Zeit“, sagt er. In ihrem Garten erhielten sie manchmal Nachbarschaftshilfe von Guntersblumern. Gleichwohl gebe es nach wie vor latente Feindlichkeit gegenüber den Rußlanddeutschen: „Aber manche gucken und reden nicht mit uns.“ Halten wir also fest, daß sich das Verhältnis zwischen Guntersblumern und Pfingstlern leicht verbessert hat, dennoch ist die Kluft zwischen beiden Gruppen noch nicht endgültig überbrückt.

Die Pfingstler fallen im Ortsbild immer noch als homogene und nach außen abgegrenzte Gruppe auf, zum einen durch die Kopftücher der Frauen, zum anderen durch den geschlossenen Kirchgang. Für die „uninteressierte Bevölkerung“ seien die Pfingstler „Rußlanddeutsche“. Andere sähen „den deutschen Ursprung, die deutsche Abstammung“. Ansonsten hätten sich die Aussiedler den Guntersblumern gut angepaßt: Gleiche Kleidung, gleiche Autos und ein gleiches Einkaufsverhalten wurden beobachtet. Jedoch vor allem religiös bedingte, sichtbare Normabweichungen der Pfingstler führten den „Einheimischen“ vor Augen, daß hier eine Gruppe in ihrem Dorf wohnt, die nicht in der Gemeinschaft aufzugehen wünscht.

 

Umsiedlung nach Kanada

Nach Veränderungen der Aussiedlersituation in den letzten zwölf Jahren befragt, antworteten alle Gesprächsteilnehmer, daß das einschneidendste Ereignis die erneute Auswanderung vieler Pfingstler gewesen sei. Ein großer Teil der Guntersblumer Pfingstgemeinde, mehr als die Hälfte, hat 1994 und 1995 seine Häuser verkauft und ist nach Kanada ausgewandert. In abgeschiedenen Gegenden kauften oder pachteten die Emigranten dort umfangreiche Ländereien. Dabei spielten wohl auch Überlegungen eine Rolle, die Kinder und Jugendlichen würden hier in Deutschland einer Welt preisgegeben, die nicht mit den religiösen Grundsätzen der Pfingstler zu vereinbaren sei. Fernsehen schade beispielsweise dem Seelenheil der Heranwachsenden, lautete die Begründung des Brüderrats.

Daß dieser Aufsplittung der Gemeinde innere Auseinandersetzungen um die religiöse Ausrichtung vorausgingen, deutete der ehemalige Ortsbürgermeister an: „Die konservativen, hundertprozentigen Fundamentalisten sind gegangen. Die Lebensoffeneren, Liberaleren sind geblieben.“ Weggegangen seien die Pfingstler, die einen Verlust ihrer religiösen Lebensweise befürchteten. Diejenigen, die geblieben sind, hätten sich mehr geöffnet.

Nach Angaben des Sprechers der „Pfingstgemeinde“ war ein wesentlicher Grund für die Ausreise der mangelnde Raum: Weil in Deutschland alles „sehr eng und unmöglich“ sei, konnten die Aussiedler ihr aus der Sowjetunion gewohntes agrarisch geprägtes Lebensmuster nicht weiterführen. Zwar haben die in Guntersblum verbliebenen Aussiedler sich Beete und Gärten gekauft, wo sie Gemüse anpflanzen und auch Hühner halten. Doch anscheinend reicht der Platz nicht aus, um wie in Rußland Kühe, Schweine, Hasen, und Enten zu halten. Dazu kommt noch der Kinderreichtum, der die Knappheit noch verstärkt: „Haben Kinder, hier ist es klein und bissel eng“. Sein größter Traum, so der Sprecher, sei nicht, bei Opel am Band zu arbeiten, sondern mit Landwirtschaft sein Geld zu verdienen: „Wenn ich hier geboren, ich tät Bauernhaus kaufen und etwas machen.“ In Kanada gebe es mehr Raum, um die Lebensvorstellungen der Pfingstler zu verwirklichen.

Aber auch ein weiterer Grund scheint dahinterzustecken: In Deutschland, so haben die Pfingstler den Eindruck gewonnen, werde es ihnen schwer gemacht, sich eine Existenz zu erarbeiten. Anders sei dies in Kanada, und auch in Rußland sei das Leben in dieser Hinsicht leichter gewesen. Kritisiert werden vor allem die starren Regeln und formalen Hürden in Deutschland. Die Lebensphilosophie „Alle können alles“, die den Pfingstlern in Rußland das Überleben gesichert hatte, die darüber hinaus auch für die Zeit der Migration unabdingbare Voraussetzung war, und die sie kurz nach ihrer Ankunft in Guntersblum mit dem Hausbau demonstrierten, stoße hierzulande auf Ablehnung.

Die Auswanderung nach Kanada hatte Folgen für die Zurückbleibenden: „wie warme Semmeln“ seien die Häuser weggegangen, als die Hälfte der Gemeinde nach Kanada auswanderte. Mittlerweile wohnen neu Zugezogene in den Häusern der Pfingstler, es ist keine geschlossene Wohnsiedlung der Pfingstgemeinde mehr. Vor manchem der schlichten Häuser mit ihren religiösen Motiven auf der Front stehen nun Luxusautos und symbolisieren das Ende der geschlossenen Pfingstlersiedlung in Guntersblum.

Wie in einem Brennglas wird hier deutlich, wie stark der Kulturtransfer von den Guntersblumern in Richtung der Pfingstler gewesen sein muß: Die Auswanderung schien einem Großteil der Gemeinde als einzig denkbare Option, um sich den „schädlichen“ Einflüssen nicht länger aussetzen zu müssen. Auch die Wahl ihrer neuen Heimat ist aufschlußreich: In der Einöde Kanadas wollen sie ihr religiös zentriertes Leben weiterführen, ohne die Aussicht vor Augen zu haben, ihre Kinder würden eines Tages Abstand von einer in ihrem Sinne gottgefälligen Existenz nehmen. Darüber hinaus scheint der Konflikt zwischen deutschem Gesellschaftsgefüge und den Lebens- und Platzbedürfnissen der Pfingstler stärker zu sein als angenommen.

Die Bedingungen für den Austausch von Kulturelementen waren in den vergangenen zwölf Jahren offensichtlich nicht günstig. Die Pfingstler schotteten sich weiterhin strikt gegen Einflüsse ab – sogar die Emigration wurde als Schutzmechanismus gewählt. Sie sind nach wie vor nicht ins Dorfleben integriert und nehmen die Kultur, Sitten und Bräuche der Guntersblumer nur zögerlich an. Gleichzeitig waren die Guntersblumer als potentielle Übermittler auch nur selten zum kulturellen Austausch mit den Aussiedlern bereit, nachdem erste Annäherungsversuche in der Anfangsphase gescheitert waren. Damit erschwert die Situation auch den reziproken Kulturtransfer: Mangels intensiver Auseinandersetzung mit dem „kulturellen Handgepäck“ der Pfingstler werden die Guntersblumer kaum importierte Elemente überneh-men. Vor dieser Folie müssen wir im folgenden dem Kulturtransfer nachspüren.

 

Kulturtransfer: Plow und Borschtsch, Spaghetti und Salate

Auf Basis der Interviews soll nun versucht werden, den Ist-Zustand und den Wandel während der vergangenen Jahre zu bestimmen. Dabei sollen Bemerkungen zu Religion und Alltag, Berührungspunkten zwischen „Pfingstlern“ und Guntersblumern, zu Sprache, zu Ausbildung und Arbeit gemacht werden. Daran kann man ablesen, welche Kulturelemente Pfingstler und Guntersblumer von der jeweils anderen Gruppe übernommen haben.

Die Pfingstler haben sich ihre tiefreligiöse Lebensweise bewahrt, hier gibt es keine Abstriche. Jeden Tag führen Veranstaltungen die Gemeinde in der Kirche zusammen. Sie versuchen, die Einflüsse von außen weitgehend auszublenden, besitzen keine Fernseher, nur Radios und Kassettenrekorder: „Dort kann man vielleicht auch etwas Gutes gucken. Aber mehr Schlechtes als Gutes. Darum haben wir nicht und kaufen auch nicht“, erklärt ihr Sprecher. Außerdem spielen sie weiter die Instrumente, die sie in Rußland gespielt haben: Mandoline, Gitarre, Trompete oder Geige.

Der Tagesablauf der Aussiedler ist unverändert von Arbeit und Religion geprägt: Morgens steht der Sprecher der „Pfingstgemeinde“ beispielsweise um vier Uhr auf, arbeitet trotz Bandscheibenvorfall und Operationen in Rüsselsheim am Fließband. Nach der Arbeit dann nimmt er am Gemeindeleben teil und kümmert sich anschließend um den Garten: Oft ist er mit seiner Frau bis abends um 23 Uhr dort beschäftigt. Vor allem die umfangreichen Kredite und Hypotheken, die für den Hausbau notwendig waren und nun abbezahlt werden müssen, belasten die Pfingstler. Sie machen jeden Schritt in Richtung der Träume von landwirtschaftlichem Betrieb und umfangreichen Ländereien unmöglich. „Hauptsache: das Schulden, das drückt alles“, beklagt der Sprecher die finanziell miserable Situation. „Sparen, sparen, sparen, dann wieder kommt Rechnung und dann wieder geht‘s auf Minus.“

Die Guntersblumer brachten den Neuankömmlingen in der Zwischenzeit offensichtlich bei, wie man einkauft, Geld ausgibt und einen Haushalt finanziell führt. Dieser Crash-Kurs in sozialer Marktwirtschaft hat zum Transport von Kulturelementen geführt: Die Einkaufsgewohnheiten und bestimmt auch die Nahrungsgewohnheiten blieben davon nicht unberührt. Die Pfingstler haben Rezepte von den Guntersblumern übernommen und können etwa Auflauf und Salate, Spaghetti oder Tortellini zubereiten. Auch durch die Kinder, die in der Schule Backen und Kochen lernen, dringen die hiesigen Nahrungsgewohnheiten in die Haushalte der Aussiedler ein. Ansonsten haben sich die Pfingstler Gerichte aus der Zeit in Rußland bewahrt – zum Beispiel Plow oder Borschtsch. Auf Hochzeiten wird russisch gegessen. Im Bereich der Kleidung haben sich die Aussiedler den hiesigen Gewohnheiten weitgehend angepaßt. Auffällig ist, daß die meisten Frauen aus religiösen Gründen Kleider und Kopftücher tragen und keine ärmellosen Oberteile anhaben dürfen. Vor allem die jungen Frauen tragen jedoch immer seltener die Kopftücher aus Tüll.

Auch wenn der Pfingstler-Sprecher betont, die Gemeindemitglieder sprächen deutsch zu Hause, gibt es klare Indizien dafür, daß das Sprachproblem noch nicht vollständig gelöst ist: Wenn die Pfingstler untereinander zusammen seien, werde russisch gesprochen, betonen der ehemalige und der amtierende Ortsbürgermeister übereinstimmend. Dennoch hat hier ein bemerkenswerter Wandel stattgefunden, die Aussiedler beherrschen inzwischen die deutsche Sprache fließend. Umgekehrt haben wir keine Nachricht davon, daß Guntersblumer sich für die russische Sprache interessierten.

Die meisten Pfingstler arbeiten nach wie vor in der Umgebung von Guntersblum, Arbeitslose gibt es keine unter ihnen. Die älteren Gemeindemitglieder sind im Zementwerk oder bei Opel beschäftigt – das sind Knochenjobs, für die man keine Ausbildung benötigt. Nur kinderlose Frauen arbeiten – das hatte sich bereits in der ersten Untersuchung Anfang der 90er Jahre gezeigt. Es sei schwierig, in Guntersblum Arbeit zu finden, betonen die Pfingstler. Die Aussiedlerkinder durchlaufen Ausbildungen wie die Guntersblumer auch – ob Bäckerlehre oder Kfz-Mechaniker. Hier findet ebenfalls ein Anpassungs- und Lernprozeß statt.
Die Begegnungen scheinen immer noch spärlich zu sein. Konzerte oder andere Veranstaltungen mit kulturell-instruktivem Charakter gibt es wohl nicht: „Sie könnten ein Stück ihrer Lebensweise hineinbringen“, bemängelt der Ex-Ortsbürgernmeister offensichtliche Defizite.

Vor allem mit Pfingstgemeindemitglieder aus anderen Städten treffen sich die Aussiedler. Die Guntersblumer bleiben meist in der Rolle der Beobachter. Keiner der Guntersblumer ist in die Pfingstgemeinde eingetreten, lediglich interessierte Guntersblumer verirren sich hin und wieder in die Gottesdienste, aber das sind Einzelfälle. Dennoch bleibt die Mission ein Ziel der Pfingstler. Kulturellen Austausch zwischen Pfingstgemeinde und Guntersblumern, etwa durch Ehen zwischen Guntersblumern und Pfingstlern gibt es anscheinend nicht. Als die Pfingstler neu in Guntersblum eingetroffen waren, hatten sie zwar in der Versammlung der Dorfgemeinschaft die großzügige Offerte gemacht, ein Mädchen aus der Pfingstgemeinde und ein Guntersblumer könnten heiraten. Doch dies scheint nicht in Anspruch genommen worden zu sein. Nach Ansicht des ehemaligen Ortschefs sei dies noch verfrüht. Die Regel scheint zu sein, daß Pfingstler aus Guntersblum andere in Deutschland lebende Pfingstler heiraten.

Der Hausbau ist ein entscheidendes Element, wenn man die heutige Wirkung der Aussiedler auf die Guntersblumer untersucht. Auch nach dem zeitlichen Abstand von rund zwölf Jahren ist diese Demonstration der Selbstständigkeit, Tüchtigkeit und handwerklichen Begabung den „Einheimischen“ im Gedächtnis. „Das Bauen der Häuser war auf jeden Fall vorbildhaft“, versucht der amtierende Bürgermeister den Kulturtransfer in Richtung Guntersblumer zu bestimmen. „Was die Gemeinde da geleistet hat, ist vorbildlich, das Wir-Gefühl, dieser Zusammenhalt ist vorzeigenswert.“ Auch für seinen Vorgänger ist die Leistung der Vergangenheit noch präsent:

„Der Bau der Häuser hat gezeigt: Das moderne Rechnen unserer Gesellschaft ist ihnen fremd. Jeder hilft jedem [...]. Da rechnet keiner auf: Ich habe Dir soviel geholfen, jetzt mußt Du mir soviel helfen“,

streicht er die Verdienste der Aussiedler heraus. Auch bei der Beteiligung am Gottesdienst könne man „vor Neid erblassen“. Für ihn steht fest: „Von der Glaubensbegeisterung und -ausstrahlung hat die Guntersblumer Gemeinde viel mitbekommen.“ Die Verantwortung füreinander und die Nächstenliebe stünden beispielhaft im Raum, die Guntersblumer lebten ganz anders.

 

Nach zwölf Jahren: Abschottung und Annäherung

Wir haben gesehen, daß sich die Pfingstler in den vergangenen Jahren weitgehend von äußeren Einflüssen abgeschottet haben: Die Religion spielt weiterhin in ihrem Leben die größte Rolle. Kultureller Wandel führte dazu, daß ein Teil der Aussiedler freiwillig die Emigration wählte. Trotz ungünstiger Bedingungen hat ein Kulturtransfer bei den zurückgebliebenen „liberaleren“ Aussiedlern auf verschiedenen Ebenen stattgefunden: Die Pfingstler haben – sowohl was die Bereiche der Nahrungsgewohnheiten, der Kleidungsgewohnheiten, der Arbeitstechniken und der Sprache anbelangt – vieles von den Guntersblumern übernommen, ohne zugleich ihre traditionellen Kulturelemente aufzugeben. Den hohen Stellenwert ihrer Religion hat die dominante bundesrepublikanische Kultur erstaunlicherweise bislang noch nicht ablösen können.

Andererseits war es für die Guntersblumer schwierig, kulturelle Elemente der Pfingstler zu übernehmen: Die geschlossene Lebensgemeinschaft der Aussiedler entfaltet nur wenig Außenwirkung. Der Bau der Häuser haftet den Guntersblumern immer noch im Gedächtnis. Ob die damit vermittelten Werte, Bautechniken und Wohnungsplanungen jedoch übernommen wurden, ließ sich nicht eruieren. Guntersblumer leben heute in Häusern, die von Pfingstlern gebaut wurden – hier werden kulturelle Elemente weiterentwickelt.

Es hat sich gezeigt, daß die Abgrenzung der Pfingstgemeinde nach außen weitgehend aufrechterhalten wurde. Am Beispiel der Kleidungsvorschriften haben wir gesehen, daß sich die religiös begründete Rollenverteilung von Männern und Frauen nicht grundlegend verändert hat. Die nach wie vor hohe Kinderzahl scheint kein Problem für die Aussiedler darzustellen, obwohl in der Nähe von Guntersblum keine Neugründung möglich ist: Vielfach werden Verbindungen mit anderen Pfingstgemeinden gesucht. Außerdem hat die Emigration eines großen Teils der Gemeinde für Raum gesorgt. Die berufliche Ausbildung scheint bislang keine nennenswerten emanzipatorischen Bedürfnisse bei den jungen Aussiedlerinnen geweckt zu haben. Wir konnten ermitteln, daß die „Pfingstlerinnen“ ihren Beruf aufgeben, sobald sie sich um Kinder im Haushalt kümmern müssen.

 

Fazit: Die Pfingstgemeinde und das „freie Spiel der Kräfte“

In den vergangenen Monaten versuchte der Wahlkampf-Slogan „Kinder statt Inder“ Ressentiments gegen Einwanderer zu schüren. Der politische Werbespruch beweist eindrücklich, wie stark die Diskussion über Migration und letztlich auch Kulturtransfer mit Berührungsängsten und Versäumnissen des Gesetzgebers behaftet ist. Das in diesem Zusammenhang hartnäckig erneuerte Dementi, Deutschland sei kein Einwanderungsland zeigt, daß hier ein Versteckspiel mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit betrieben wird. In kleinem Maßstab hat die vorliegende Arbeit auf Bedingungen und Möglichkeiten kulturellen Austauschs am Beispiel der Guntersblumer Pfingstgemeinde hingewiesen.

Dabei ist zugleich deutlich geworden, daß nach mehr als zwölf Jahren die Integration der Rußlanddeutschen noch nicht gelungen ist. Und Guntersblum ist kein Einzelfall in Rheinland-Pfalz, wie ein Themenabend des Südwestrundfunks vor kurzem in Erinnerung brachte. Auch wenn das Tempo der Assimilation sicherlich nicht überschätzt werden darf : Die Politik hat dieses Betätigungsfeld lange vernachlässigt – ob auf bundespolitischer oder auf lokalpolitischer Ebene. Sinnvolle Initiativen für ein besseres Zusammenleben sind gefragt. Dabei kommt es natürlich auch auf den guten Willen beider Seiten an, was – wie im vorliegenden Beispiel – nicht immer der Fall ist.

Welche Grundlagen sind nun für die weitere Entwicklung von Pfingstgemeinde und Guntersblumern gelegt? Der neue Ortsbürgermeister will nicht unterstützend eingreifen, um die Verbindung zwischen Aussiedlern und Einheimischen zu intensivieren. Für ihn stellt sich die Integration der Aussiedler nicht als politische Aufgabe dar: „Sollte man sich da von der Gemeindeverwaltung einmischen? Jeder Erwachsene kann frei herumlaufen und in Vereine eintreten.“ Es liege nun an den Pfingstlern selbst, die Initiative zu ergreifen.

Seine Prognose für die Zukunft: „Die Öffnung wird kommen in allen Gebieten.“ In etwa 20 Jahren würden die jüngeren Pfingstler Rußland nur noch vom Hörensagen kennen, dann seien sie wie die anderen Guntersblumer auch. Nach dem amtierenden Bürgermeister ist die Integration dann ein Automatismus: „Auf lange Sicht läßt sich das nicht durchhalten bei den Jugendlichen.“ Ähnlich sieht sein Vorgänger im Amt die kommenden Jahre: „Mit der Zeit wird das. Bis jetzt sind die noch abgekapselt, aber die Lebensgemeinschaft wird in den nächsten Jahrzehnten von unserer Lebensweise eingenommen.“ Schade wäre es allerdings, so der ehemalige Ortschef, wenn die Kultur der Pfingstgemeinde ganz aufgesogen werde. Ob dies der Zweckoptimismus zweier Lokalpolitiker ist oder wirkliche Überzeugung, läßt sich nicht feststellen. Interessant ist die offene Aussage des Pfingstler-Sprechers: Reichtum, weltliche Lebensweise und moderne Medien führten vom Glauben weg, sagt er, doch betont zugleich: „Glaube ist freiwillig, tust erklären alles, und sehen da ist ein Gott. Sehen, da ist ein Glaube. Tun freiwillig im Glauben dienen und so geht alles weiter…“ Die weitere Entwicklung der Pfingstler in Guntersblum bleibt offensichtlich dem freien Spiel der Kräfte überlassen.

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Der Artikel ist in Heft 15/1 2000, Seite 43-54, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964)