15 – 2 /2000: Das Bier

 

Gunther Hirschfelder
Das Bier und seine Trinker in der Frühindustrialisierung

 

In der wohlhabenden niederländischen Stadt Leiden wurde 1727 ein Reiseführer veröffentlicht, der dem Großbürgertum und Adel die Orientierung im seinerzeit modernsten und aufstrebendsten europäischen Modebad erleichtern sollte. Dazu gehörte, daß er Tips zum richtigen Essen und Trinken in Aachen gab:

“Den Drank sy goede, heldere, witte, geen sterke noch ook suure, niet te sterk gehopt, noch al te suuren Bier. Ook dient man te weeten, dat men onder’t Baden spaaramne moet eeten en drinken als anders. Ook men sich hoeden van terstond na het Badenkoud water te drinken.”

Allemal besser und gesünder als Wasser war nach Ansicht des anonymen Autors ein gutes Bier, zumal, wenn es nicht zu stark gehopft war. Die “Eigenschaften eines guten Braunbiers” definierte ein Zeitungsartikel im Jahr 1831:

“Es muß hell und durchsichtig sein, wenn man es in ein Glas schenkt, muß es geistig riechen, in der Nase krimmen, einen prickelnden Geschmack auf der Zunge machen, kräftig, lieblich, angenehm und rein bitter schmecken, [...] den Durst löschen und erquicken, Kopf und Magen nicht belästigen, also nicht schon in kleiner Quantität berauschend seyn oder Kopfschmerzen verursachen.”

Die Qualität war aber starken Schwankungen unterworfen, und immer wieder hören wir Klagen wie jene des Jahres 1694, als die Aachener sich beschwerten, “dass sie theur broot Essen musten und so schlecht dun bier musten drincken.” Franz Theodor Bettendorff resümierte am Ende des folgenden Jahrhunderts:

“Das Bier ist nicht zu teuer für den gemeinen Mann, [...] aber es ist zu schlecht, giebt ihm daher weniger Kraft und Nahrung, wird von selbem aus diesen Ursachen nicht so viel, und vom Reichen gar nicht getrunken.”

Viel besser seien die Verhältnisse, wenn man über die Grenze schaue,

“wenn man nur umliegende Brabändische Ortschaften, als Mastricht, Lüttig, Löwen, Diest, Brüssel und andere mehr betrachtet, allwo die wohl eingerichteten Brauereyen viele Leute reich machen, und auswärtiges Geld zum Nutzen ihrer Einwohner ins Land ziehen.”

Es waren nicht nur finanzielle Beweggründe, die das allgemeine Interesse am Bier wachhielten. Anders als heute war Bier ein Getränk, das viele Aufgaben erfüllte. Im folgenden sollen diese Aufgaben am Beispiel der Region Aachen skizziert werden, denn diesem Raum kam wegen seiner frühgewerblichen und frühindustriellen Orientierung sowie seiner geographischen Lage eine Schlüsselrolle im Prozeß der Industrialisierung zu. Somit erlaubt eine Analyse der Aachener Verhältnisse weitreichende Schlußfolgerungen hinsichtlich des kulturellen Wandels in Zeiten beschleunigter gesellschaftlicher Veränderungen.

 

Bier als Nahrungsmittel

Bier war vor der massenhaften Verbreitung von Mineralwasser, Fruchtsaft und Limonade einer der wichtigsten Durstlöscher. Darüber hinaus kam ihm eine besondere Funktion als Nahrungsmittel zu: Bier war sowohl im privaten Haushalt als auch in Waisenhäusern und Spitälern sowie in Korrektionsanstalten und Kasernen integrativer Bestandteil der Ernährung. So stellte Armand Gaston Camus in seinem Reisebericht des Jahres 1803 über die links-rheinischen Departements zusammenfassend fest:

“Die gewöhnlichste Art die Armen zu speisen ist diese: man giebt ihnen wöchentlich dreimal Fleisch; die anderen Tage bekommen sie Gemüse, oder Suppe und Gemüse. In den meisten Hospitälern giebt man Bier.”

Grundsätzlich unterschied sich auch die Herstellung. In vielen Haushalten braute man selbst. Geschmack, Aussehen und Alkoholgehalt waren von der jeweiligen Methode, von der angewandten Sorgfalt und Sauberkeit, aber auch ganz maßgeblich von der Wasserqualität abhängig. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen industrielle Verfahren, die Heimbrauerei und die kleingewerbliche Produktion abzulösen. So gab es vom Spätmittelalter bis zum Beginn des Industriezeitalters im Rheinland und den westlichen Nachbarregionen eine Bier- und Trinkkultur, die viele homogene Züge aufwies. Dabei war das Bier langfristig gesehen auf dem Vormarsch, es wurde immer beliebter.

Wichtigstes Merkmal war die große regionale und soziale Differenzierung. Was in den Städten üblich war, kannte man auf dem Land noch lange nicht, und auch von Stadt zu Stadt oder von Ort zu Ort konnten die Unterschiede groß sein. “Ses habitants font grand usage de la bière”, urteilte Anton-Joseph Dorsch 1804 über das Roer-Departement. Zwischen Rhein und Maas werde Hopfen in der Umgebung der meisten Städte und Orte angebaut und sei um Erkelenz und Stralen besonders gut; “et la bière qu’on y brasse, est très bonne et très forte”. Neben Lob gab es für das rheinische Bier auch Tadel. Im März des Jahres 1839 schilderte der Aachener Joseph Egyptien seine ebenso mißliche wie symptomatische Lage. “Mein ganzes Geschäft besteht blos in einer Bierbrauerei.” Vor allem aber sei er zu ehrlich, gab er weiter zu Protokoll: “und weil ich keine unreinen Getränke (was leider hier in Regel zu häufig vorkömmt) an meine Gäste verabreichen will, so leide ich daher Schaden.”

Über die Nahrungsgewohnheiten “der weniger bemittelten Einwohner” des nahe Aachen gelegenen Burtscheid wurde 1804 berichtet:

“Zum Hauptgetränk steht das Bier vor dem Wein, welches auch dem Trinckenden gewöhnlich gut bekömmt, aber auch allezeit ihnen gut bekommen würde, wenn es mit seiner guten und schlechten Beschaffenheit nicht so häufig abwechselte, wie es doch fast der tägliche Fall ist.”

Neben gutem war also gleichzeitig auch minderwertiges Bier im Handel. Wer nicht selbst braute, kaufte es nicht auf dem Markt oder im Lebensmittelgeschäft (“Victualienladen”), sondern bei einem der zahlreichen kleinen Hersteller.

Meist wurde das Bier dort auch getrunken; denn vor der Verbreitung der industriell gefertigten und damit erschwinglichen Flasche gab es allenfalls die Möglichkeit, Bier in einem selbst mitgebrachten Krug oder in einer Kanne abzuholen und somit Gefahr zu laufen, es auf dem Heimweg warm werden und verschalen zu lassen. Überall im Rheinland gab es Gastwirtschaften wie die des Joseph Egyptien, die im Nebengebäude oder auf dem Hinterhof ihre Braukessel betrieben.
Über Jahrhunderte hinweg waren diese Kneipen multifunktionale Einrichtungen, die im gesellschaftlichen Leben in den Städten und auf dem Land eine zentrale Rolle spielten. Weil sich die Menschen hier trafen, diskutierten, auch über Politik sprachen oder gar gegen die Obrigkeit konspirierten und hier auch ihre Streitigkeiten austrugen, hat das, was sich hier abspielte, in den Quellen weit deutlicheren Niederschlag gefunden als die meisten anderen Lebensbereiche, zumal der Staat dort auch auf die Wahrung seiner fiskalischen Interessen zu achten hatte. So bietet die Betrachtung der Trinkgewohnheiten einen optimalen Zugriff auf die Alltagskultur vor allem der nicht den Oberschichten zugehörigen Bevölkerungsgruppen.

 

Das Angebot an Bieren

Wer es sich leisten konnte, dem boten die rheinischen Gastronomen eine breite Palette an Bieren. So berechnete die jülich-bergische Steuergesetzgebung im Jahr 1700 unterschiedliche Sätze auf “Lüttischer Bier” sowie auf “Hambschen- oder Brackerfelder Keuth, Cöllnischen und andern außländischen Bier.” In der nahegelegenen Stadt Jülich war im 17. und 18. Jahrhundert der Import untergärigen Biers verboten. Wer dagegen verstieß, wie beispielsweise der Wirt “Zur Stadt Aachen” 1714, wurde bestraft. Mit den besseren Transportmöglichkeiten erfuhr das Getränkesortiment im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine deutliche Erweiterung. Die Statistik des Regierungsbezirks Aachen meldete:

“Hingegen werden die feineren und hier beliebteren Biere von Rheydt, Niedermendig, Neuwied, Mülheim und aus dem Kreise Jülich bezogen. Aus den Bezirken Cöln und Uerdingen wuden 1861 eingeführt circa 1000 Tonnen Bier, [...] und an ausländischen Bieren: englisches Ale, Porter und Belgisches Faro.”

Solche Spezialitäten bot die Masse der Kneipen freilich nicht an. Hier gab es nur die handelsüblichen bzw. selbsthergestellten einfachen Getränke.

 

Die Gaststätten

Oft war es gar nicht leicht, eine Gaststätte überhaupt zu erkennen und von einem Privathaus zu unterscheiden.

“Das einem jeden Bürger leichte Mittel, aus seinem Hause einen öffentlichen Ort zu machen, zeigt offenbar das Elend des Volkes und seinen Mangel an Hilfsquellen.”

Viele Kneipen seien regelrecht in die überquellenden und notdürftigen Wohnungen der Wirte integriert, berichtete ein Zuschauer in den 1780er Jahren über Aachen. Er fuhr fort:

“Wie ekelhaft muß es für einen Fremden seyn, in einer Schenke nichts als nackende und vor Hunger blasse Kinder zu sehen! schwage und hagere Mädchen, trostlose Greise, Kranke, die aus Mangel an Arzeneyen verschmachten.”

Von den Bierwirtschaften hatte der Autor keine gute Meinung, schränkte aber ein: “Die Häuser, in welchen Wein verzapft wird, sind nicht so ekelhaft.” Eine Siegburger Kneipe schilderte Joseph Gregor Lang in jenen Jahren folgendermaßen:

“Beim Eintritte in die Stube stieß mir ein fauler mephytischer Dunst auf, daß ich mich gern wieder hinausgeschlichen hätte, wenn die Wirtin nicht schon alle Bereitschaft getroffen, mich in forma zu bewirten. Im anderen Winkel der Stube [...] saß die Familie des Hauses. Hier sah ich schon mein Elend, und die Eßlust verschwand, ehe für mich zugerichtet wurde. Alles war unrein und in der größten Unordnung.”

Wie sind solch polemische Beschreibungen zu interpretieren? Auf keinen Fall dürfen sie verallgemeinert werden. Vielmehr war es am Ende des 18. Jahrhunderts üblich, das Leben im krisengeschüttelten Rheinland in düsteren Farben zu zeichnen. Aber sicherlich behielten viele Menschen ihren Sinn für Ordnung und Gastlichkeit, und in den meisten Wirtschaften werden die Stammgäste sich wohler gefühlt haben als die vornehmen Reisenden – sonst hätten sie nicht einen so großen Teil ihrer Freizeit dort verbracht. Auf der anderen Seite sind beispielsweise Aachener Steuerakten in der Lage, ein schärfer konturiertes Bild der Realität zu zeichnen.

Dabei erstaunt die räumliche Enge, die in vielen der am Rande des Existenzminimums dahinvegitierenden Kleinwirtschaften vorherrschte. 1822 etwa erlaubte sich Peter Jöbes “zu bemerken, daß sein Lokal gar nicht zur Wirthschaft geeignet, und durchaus er keine Gäste darinnen aus Mangel an Raum und Bequemlichkeit halten kann.” Die Schankwirtschaft Matthias Huppermanns bestand 1826 lediglich aus “einem kleinen Wirths- und einem Schlafstübchen” und die des Nicolaus Strauch 1827 nur aus “2 Zimmerchen”. Zu dieser Zeit gab Peter Huppertz an, er müsse sich “mit einem winzigen Zimmerchen bedienen, was kaum Raum für 12 Gäste enthält, und folglich seines schlechten Ansehens wegen wenig Gäste an sich zieht”. Erwähnt sei ferner Carl Bruchner. 1832 bewohnte er mit Frau und vier Kindern “blos 2 Zimmerchen, und das Wirthsstübchen ist so klein, daß es mit 10 Gästen angefüllt ist.”

Vor allem in Zeiten von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung mußten viele Wirte ums Überleben kämpfen. So betrieb Anold Dahmen 1830 in seiner winzigen Wirtschaft “nebenbei einen Spezerei? und Kramladen.” Nicolas Debey zeigte 1832 an, er sei Tagelöhner und habe nur

“ein elendes Lokal woran nur 2 Zimmer im Erdgeschoße zur Wirthschaft benutzt werden können, die sich nicht einmal dazu eignen. [...] Bekanntlich sind in der Pontstraße Wirthshäuser zu viel, allein man versucht es bei den gegenwärtigen Zeitverhältnißen, wo man vom Tagelohn nicht mehr leben kann, durch ein Nebengeschäft etwas zu verdienen.”

 

Der Bierwisch

Zurück zum Erscheinungsbild. Ein auf dem Dach befestigter Strohwedel, der “Bierwisch”, zeigte dem Gast bereits in der Reformationszeit an, daß in einer Gaststätte frisches Bier zu haben war. Der Bierwisch erlebte in der Folgezeit einen Funktionswandel und galt im 19. Jahrhundert dann als generelles Merkmal der einfachen Gaststätten. Eine Regierungsbezirksverordung untersagte 1830,

“Wirthshäuser oder Schenkwirthschaften mit Gipfeln oder Zweigen von Nadelholz zu bezeichnen, wogegen Wacholdersträuche oder auch Stechpalmen dazu gebraucht werden dürfen.”

Dauerhaft eingerichtete und bessere Häuser waren im Rheinland seit dem Spätmittelalter durch Schilder gekennzeichnet. Sie dienten der Werbung, wiesen aber ursprünglich auch auf die Pflicht hin, Gäste bis zur Grenze des Fassungsvermögens aufzunehmen. Es gab sogar eine Pflicht zur Kenntlichmachung, der jedoch nicht immer nachgekommen wurde. Johann Münch etwa monierte 1825 bei der Aachener Steuerbehörde, viele Wirte würden zwar “den Brandewein aus dem Hause verkaufen, können auch vielleicht schenken, haben aber kein Schild aushängen.”

 

Das Leben in den Gaststätten

Wie sich das alltägliche Leben in den Gaststätten an Rhein und Maas gestaltete, geht aus den Quellen meist nicht hervor, denn die zeichneten meist nur den Sonderfall auf und vermerkten Schlägereien, Exzesse oder Sperrstundenüberschreitungen. Nur selten erfahren wir dagegen etwas vom geselligen Charakter der Kneipenabende und von der Sozialfunktion der Wirtschaft. Aber einige Beispiele liegen doch vor. So wissen wir z.B., daß sich die Wächter Schaf und Klein aus Burtscheid an einem Dezemberabend des Jahres 1824 auf ihre “gewöhnliche Sonntags-Patroille” begaben. Es war kein besonderer Abend, und Schaf gab später nur die mehr oder weniger üblichen Vorfälle zu Protokoll. Lediglich beim Wirt Adam Knops hatte er

“zwey Mahl, um halber elf und um halb zwölf Uhr, Feyerabend geboten, jedoch von Seiten der Gäste” hatte “man sich gar nicht daran stören wollen, indem diese sich [...] nur lustig gemacht hätten.”

Erbost und verärgert holten die Wächter ihren Vorgesetzten Peter Notorius. Gegen Mitternacht trafen sie wieder bei Knops ein. Im ersten Raum fanden sie drei Männer “ruhig ihren Schnaps und Bier trinkend.” Die Stimmung war offenbar hervorragend. In der hinteren

“Schankstube wären aber der Feinspinnermeister Wilhelm Färber, der Wundarzt Christian Pesch, der Scheerermeister Isaac Hahn, der Bruno Klausener, Conrad und Jacob Pastor, wie auch der Wilhelm Roderburg gewesen, welche alle, mit einziger Ausnahme des Letzteren (der allein an einem Tische gesessen) in Gesellschaft zusammen sich befunden und Lieder gesungen hätten. Jetzt habe er (Notorius) die Polizei Stunde noch einmal angekündigt, indem er gesagt: es wären schon zwölf Uhr vorbey, das Singen müßte jetzt aufhören und die Gäste sämtlich ruhig nach Hause gehen.”

Es kam noch zu einer kurzen Diskussion, aber schließlich konnten die Ordnungshüter doch feststellen: “Endlich hätten sämliche Gäste sich doch bequemt, aufzubrechen.”

Vom Spätmittelalter bis zum Beginn des Industriezeitalters war die Gaststätte für die meisten Menschen der einzige Ort, der außerhalb von Arbeitsplatz und Kirche Möglichkeiten zu außerfamiliärer Kommunikation und Geselligkeit bot. Eine Aachener Chronik berichtet, im April 1765 hätten einige katholische Studenten begonnen, die lutherische Bibel zu lesen “und sogar in denen Wirthshäusern mitzunehmen”. Besonders dadurch hätte es “viel verkehret und Argernuss gegeben”. Auch für die Schüler waren die Gaststätten wichtige Aufenthalts- und Diskussionsorte.

Im 18. Jahrhundert tranken die Schüler Jülichs in den Schänken dünnes Bier, für das der Rat eine Steuerermäßigung gewährte. Unter- und Oberschicht definierten Geselligkeit jedoch verschieden. So war zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Kölner Casino “Fremden von guter Conversation der Zugang nicht versagt”. Über die Verhältnisse “an den Wirthstischen” der Wohlhabenden im Aachen des Jahres 1786 wird berichtet: “Die Unterredung wird in einen andern Ton umgestimmt. Man spricht von Politik.” Dagegen gab es in den Kneipen der weniger eloquenten Masse nonverbale Kommunikationsformen, zu denen wir auch den Streit rechnen müssen. Oft sahen die gesellschaftlichen Spielregeln sogar vor, daß man ihn an einem öffentlichen Ort auszutragen hatte, sichtbar für jeden. Und da spielte Alkohol kaum anders als heute meist eine Schlüsselrolle: er wirkte enthemmend, als Katalysator und somit oft konfliktverschärfend.

Wichtig waren in den Gaststätten Musikdarbietungen, allen voran gemeinsames Singen. So berichteten zwei Burtscheider Nachtwächter im August 1825, kurz vor Mitternacht hätten sie in der Kneipe des Franz Leuchter “eine noch zahlreiche Gesellschaft lärmend und singend” angetroffen.

 

Tanzveranstaltungen in den Gaststätten

Zu Beginn des Industriezeitalters entwickelten sich in den jungen Arbeiterstädten neue Formen der Freizeitgestaltung. Besonders beliebt waren Tanzveranstaltungen, die die Gaststätten vor allem seit den 1820er Jahren an Wochenenden oder etwa anläßlich der Kirmes organisierten. 1824 gab es bei den Burtscheider Wirten Carl Esser und Friedrich Fränzel allen Verboten zum Trotz wiederholt bis in die Nacht hinein Tanzveranstaltungen, und der Aachener Landrat und Polizeidirektor bemerkte 1829 resigniert,

“in den [...] Schänkstellen wird bei festlichen Gelegenheiten namentlich an den Tagen der Pfarr-Kirchweihen Tanzmusik gehalten und dort Bier und Brandwein verabreicht”.

In den Wirtschaften gab es sowohl “Musik von herumziehenden Musikanten” als auch “Orgel-Spieler”, die die Gäste mit ganzem Orchester oder nur einer Zieharmonika unterhielten.
Eine breite Palette von Spielen erweiterte das Unterhaltungsangebot auch einfachster Gaststätten. Vor allem die Glücksspiele waren den Behörden immer wieder ein Dorn im Auge. 1750 beklagte ein Aachener Edikt, daß

“die Hazard-Spiele, benenntlich Pharaon, Paffadix, Berlan, Banque-Volute, Raffle, Lanfquenet, Quinze, Trente & Quarante, Cinque & Neuf, Baflette, und dergleichen mehr, in denen dahiesigen öffentlichen Caffée- Wirths- und anderen privat-Häuseren [...] eingerissen seyn”,

und stereotyp wettern Verordnungen und Verfügungen im folgenden Jahrhundert immer wieder gegen die vermeintliche Gefahr, die von derartigen Glücksspielen ausging. Offenbar gab es kaum eine Kneipe, in der die Gäste nicht mit Karten und Würfeln oder einfacheren Hilfsmitteln spielten. Über Köln berichtete ein Besucher 1780, die Geistlichen würden “in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfennige auf dem Brett oder mit Karten spielen”, obgleich das Urteil des Jonas Ludwig von Hess übertrieben sein dürfte, der 1798 der Ansicht war, “ein Aachner über zehn Jahre würde es für ein peinliches Unglück halten, wenn er den größten Theil des Tages nicht in den Caffehäusern und Estammins zubringen dürfte”, und meist würden auch “Buben unter zehn Jahren Billard spielen”.

Gaukler – heute würden wir sie vielleicht als Performance-Künstler bezeichnen – erweiterten das Unterhaltungsangebot oft. 1776 verbot die mißtrauische Aachener Stadtverwaltung alles,

“was maßen unter dem verdeckten Nahmen von Christ-Kripgern, Fasten- und Bitter-Leiden Stücker, Marionetten und derley Lustspiele, mittels allerhand ohnziemlicher und unzulässiger auch gar ärgerlicher Vorstellungen, so in denen privat Bürger- als auch in Wirtshäusern öffentlich aufgeführet”

wurde. Bei Aufführungen und Spiel stärkten, erfrischten und berauschten sich Gäste und Darsteller wohl in der Regel mit Bier oder Branntwein.

 

Kegelspiele

Neue Formen der Freizeit und Alkohol – diese Faktoren paßten nicht so gut zusammen wie etwa Würfeln und Bier. Das galt vor allem für die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts beliebten Schießspiele, die zunächst ausschließlich in oder neben Wirtshäusern abgehalten wurden. Viel weiter verbreitet waren Kegelspiele, die seit der Wende zum 19. Jahrhundert in Mode kamen. 1801 beklagte eine für das Herzogtum Jülich-Berg erlassene Verordnung, daß die Wirte zu Ausschweifungen

“geflissenen Anlaß mit übermäßiger Abgabe berauschender Getränke, mit unterhaltender Musik zum Tanzen, mit Anleitung zu verschiedenen Spielen, mit Kegeln, Würfelen, Karten [...] gegeben haben.”

Zunächst handelte es sich meist um Außenanlagen. Daher bestand für die städtischen Wirtschaften mit ihren begrenzten räumlichen Möglichkeiten zunächst kaum Gelegenheit, Bahnen zur Verfügung zu stellen; einfacher war es hingegen vor den Städten oder auf dem Land. Eine bedeutende Rolle begann das Kegeln aber erst mit der anziehenden (Bau-) Konjunktur der frühen 1820er Jahre zu spielen. Bereits aus einer Verordnung des Herbstes 1822 wird deutlich, daß die Regierung in Aachen “besonders das Kegelspiel”, das die Wirte sonntags abhielten, monierten. Zwar baute auch der Aachener Casino-Club 1825 eine neue Bahn, aber Kegeln entwickelte sich zusehends zum Arbeitersport.

Einen regelrechten Boom erlebte das vor allem im Sommer betriebene Kegeln in den 1820er Jahren. Jene Betriebe, die nicht expandieren konnten, waren im Nachteil. Am 27. Mai 1827 klagte der alteingesessene Aachener Wirt Niclas Esser:

“Es können von April bis Novembris also durch sieben Monaten die wenigsten Schenkwirthe in der Stadt ihre Getränke mit Nutzen absetzen, denn seit einigen Jahren haben sich mehr als zwölf neue Schankwirthe, welche alle eine Kegelbahn halten, vor den Thoren etablirt, wenn es also nur in etwa gutes Wetter ist, so sind die Wirthshäuser in der Stadt leer.”

Viele Bereiche des täglichen Lebens hatten Funktionen und Bezeichnungen, die heutiger Realität recht nahe kommen; aber wie beispielsweise die Kegelbahnen aussahen und was dort passierte, unterschied sich gelegentlich erheblich. Die Zustände mag der Bericht des Peter Notorius verdeutlichen. Der überforderte Burtscheider Wachtmeister gab am 14. Juni 1824 zu Protokoll, “daß der Wirth Johann Joseph Breul aus Burtscheid diesen Vormittag zu ihm gekommen wäre” und geklagt hätte, er

“seye gestern, als an einem Sontage, verreist gewesen, so daß er, aus Vorsicht, seine Schenke nicht ohne Schutz zu lassen, den hiesigen Joseph Defrey ersucht habe, während seiner Abwesenheit sein Haus und die Wirthschaft mit zu beaufsichtigen, damit seine zurückgebliebene Frau und Schwester an ihm nöthigenfalls einen Beistand finden mögen.”

In der jungen Industriesiedlung herrschten offenbar rauhe Sitten, und ein Wirt wußte um die Gefahr, wenn er seinen Betrieb unzureichend beaufsichtigt ließ. Er fuhr fort:

“Auf einmal seien nun gestern, und zwar gegen Abend, ein Schwarm ganz junger Burschen in seinem Hause hineingekommen und hätten sich auf der Kegelbahn Schnaps verabreichen lassen. Kaum daß aber diese Burschen, wohl zwölf an der Zahl, dagewesen, hätten sie nicht allein angefangen über die Wirthsleute wegen dem schlechten Getränk und schlechten Essen mit allen möglichen Flüchen loszuziehen, sondern wären auch allen Bittens seiner Frau, Schwester und des Joseph Defrey, in ihrem Unfug so weit gegangen”,

daß sie randaliert und Mobiliar demoliert hätten. Der Schrecken hatte aber noch kein Ende. Bezeichnend ist die Beiläufigkeit, mit der der Polizist den Vorfall schilderte. Er lag offenbar noch im Rahmen des Üblichen und war bei weitem nicht so gravierend, daß er an eine übergeordnete Behörde, etwa die Abteilung des Inneren der Aachener Regierung, weitergeleitet hätte werden müssen. Als der Wirt die Rowdies zur Ruhe ermahnte, gab einer der Halbstarken der Wirtsschwester “einen so starken Schlag auf den Kopf”, daß sie blutüberströmt zusammenbrach. Die Aggressivität der Jugendlichen verstärkte sich, wild prügelten sie nun auch auf den Hausherren ein. Schließlich zerstörte “die ganze Rotte” große Teile der Einrichtung.

Wie erklärt sich dieser Ausbruch an Gewalt? Unter dem Aspekt des Alkohols fällt auf: Die Burschen hatten Schnaps getrunken. Wohl vertrugen sie ein oder mehrere Gläser Bier, aber die starke, ungewohnte Droge enthemmte sie völlig und setzte jenes Potential frei, das sich aufstaut, wenn sich in Zeiten zu schnellen gesellschaftlichen und kulturellen Wandels erlernte Konfliktlösungsmechanismen nicht mehr anwenden lassen und das Individuum in vielen Lebenssituationen bar jeder Sicherheit ist.

Ein Faktor, der auch eine Rolle gespielt haben mag: Die jungen Männer entgleisten nicht in “ihrem” Viertel, wo ihr soziales Umfeld das Verhalten möglicherweise gar nicht geduldet hätte. Die Frau des Wirtes sagte später aus, von den Burschen habe “sie aber keinen gekannt”. Auch dem Stammgast Joseph König waren fast alle fremd. Nach seinen Angaben befanden sich die Männer offenbar auf einem Zug durch mehrere Wirtschaften, denn schon beim Eintritt hätten sie “angefangen schreiend zu singen.”

 

Rauhe Umgangsformen

Zu beachten ist schließlich, daß die niedrigere Gewaltschwelle in den Gaststätten integrativer Bestandteil allgemein rauherer Umgangsformen war. Hinzu kam die Tatsache, daß viele Wirte selbst u.a. durch eigenen unmäßigen Alkoholkonsum latent gewaltbereit waren. So kam der Wächter Christian Schönemann im Juli 1825 klagend auf die Polizeiwache, “weil er eben vorher durch den Wirth Fränzel aus Burtscheid beschimpft selbst mißhandelt und zur Thür heraus geworfen worden” war, obgleich er sich nur nach dem Erlaubnisschein eines Orgelspielers hatte erkundigen wollen. Ebenfalls aus Burtscheid berichteten die Polizeiserganten Schwarz und Müller 1849, an einem Novemberabend hätten sie “in der Schenke des Wirthen Jacob Büth Gäste im lauten Gespräch” gehört, seien eingetreten und hätten “folglos Feierabend geboten”. Der Wirt “beschimpfte” sie daraufhin, “tadelte das bestehende Gesetz”, warf die Serganten hinaus und verfolgte sie “bis auf die Straße”.

Der oft ungemütlichen und rohen Unterschichtwirtschaft standen die besseren Häuser am anderen Ende der Skala gegenüber. Der “Londoner Hof” etwa, wird 1786 gemeldet, sei

“einer der schönsten Gasthöfe in Aachen. Die Grösse des Gebäudes, die bequeme Eintheilung der Zimmer, die Höflichkeit des Herren vom Hause, alles trägt dazu bey, diesen Schutzort der vornehmen Personen würdig zu machen.”

Obgleich ein Abendessen dort leicht den Monatslohn eines Tagelöhners kosten konnte, mußten die “vornehmen Personen” gemeinsam essen und trinken: “Es wird nemlich in demselbigen auf niemand mit dem Essen gewartet; die Mahlzeiten werden zu einer bestimmten Stunde gehalten.” Der “Vauxhall”, ein vor den Toren Aachens gelegener Gasthof, war beliebtes Ausflugsziel der Oberschicht mit Übernachtungsmöglichkeit und weitreichendem Freizeitangebot, räumlich recht dicht bei und doch unendlich weit von den billigen Absteigen entfernt. Es gab einen Ball- oder Komödiensaal, ein Spielzimmer, das sogenannte “Rote Balkonzimmer”, das “Gelbe Zimmer”, den “Blauen Erfrischungssaal” mit insgesamt zwei Pharaon- und 22 weiteren Spieltischen sowie ein separates Billardzimmer. Elf Säle und etliche luxuriös ausgestattete Zimmer ließen kaum Wünsche offen. Derartigen Betrieben kam eine besondere Funktion im Sozialleben zu, weil der Radius der Ziele begrenzt war, die mit Kutsche oder Pferd in überschaubarer Entfernung lagen.

 

Aufgaben der Gaststätten

Unter den vielen Aufgaben, die die Stätten der kommerziellen Gastlichkeit zu erfüllen hatten, seien zum Abschluß noch einige banale genannt. Bis zur Elektrifizierung prägte frühe und nachhaltige Dunkelheit die Atmosphäre sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Licht war teuer, und die Beleuchtung stellte einen ernstzunehmenden Grund dar, eine Schenke zu besuchen.
Noch wichtiger waren Kamin und Heizung. So teilte der Bürgermeister von Forst dem Aachener Landrat 1842 mit, vor einigen Jahren habe er sich einmal ausdrücklich für die Erteilung einer Schankkonzession ausgesprochen, weil es vielen “bei Winters Zeit ein Bedürfnis” sei, “sich etwas zu erwärmen” – und das war eben nur in einer Kneipe möglich.

Schließlich: Die hohe Mobilität machte ein dichtes Netz von Beherbergungs- und Beköstigungsbetrieben sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum notwendig. Wer zu Fuß, mit Pferd und Esel oder per Kutsche reiste, mußte oft pausieren, sich stärken und gegebenenfalls die Tiere versorgen. Daher gab es ein ungleich dichteres Netz von Gastwirtschaften als heute, und auch reine Schankbetriebe stellten meist Mahlzeiten bereit.
Auch im Industriezeitalter blieb die Kneipe ein Faktor von überragender gesellschaftlicher Bedeutung, und Bier blieb das beliebteste Getränk. Nach dem Tag in der Fabrik, unter Tage, auf dem Feld oder in der Schreibstube ließ es die Sorgen der Arbeit vergessen und war integrativer und auch prägender Bestandteil der Freizeitkultur. Zudem führte es die Menschen zusammen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte der Kultursoziologe Georg Simmel die “ungeheure sozialisierende Kraft gemeinsamen Essens und Trinkens”. Die gegenwärtige Situation der europäischen Gastronomie zeigt, daß die Menschen diese Kraft auch am Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalters noch suchen und brauchen.

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Der Artikel ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2 2000, Seite 2-16, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.