16 – 2 /2001: “Amerika” zwischen Hochkultur und Massenkultur

 

Kaspar Maase
“Amerika” zwischen Hochkultur und Massenkultur

 

Ich möchte beginnen mit einem etwas längeren Zitat:

“Es gibt solche und solche Häuser: Allerweltshäuser, sozusagen Häuser von der Stange; und andere, ganz persönliche, in die ein Mensch sein ganzes Herz hineingebaut hat. Das Haus in der Nähe des Holzhausenparks ist ein solches Haus. Als die Amerikaner seinerzeit das Haus beschlagnahmten, nahmen sie nicht nur einem Menschen das Dach über dem Kopf weg: es war, als hackten sie den Mann mitten auseinander. Denn das Haus war ganz der Mann, der Mann ganz das Haus. Ich habe alle Amerikaner kommen und gehen sehen, die in diesem Hause wohnten, denn die Amerikaner halten wenig von Vorhängen und Jalousien und lassen alle Leute, die an ihren Fenstern vorbeigehen, an ihrem Leben teilnehmen. Einer der Amerikaner, ein hoher Offizier, war weißhaarig, hatte das eckige Kinn eines Schotten und hielt die Zeitung ‘Stars and Stripes’ beim Lesen halb zum Fenster hinaus. Dabei hatte er das Radio so laut gestellt, daß man den AFN noch auf der Straße hören konnte. In solchen Augenblicken war es, als weinte das Haus still und verzweifelt vor sich hin. Dieses Haus war es gewohnt, daß man zwischen seinen vier Wänden ein Buch von Thomas Mann las; oder, wenn draußen der erste Schnee fiel, ein wenig in der ‘Chronik der Sperlingsgasse’ blätterte; oder man nahm einen Band mit Zeichnungen von Ludwig Richter und zog sich damit in eine Ecke zurück, und im Zimmer nebenan spielte die Frau Bach, Beethoven oder Mozart. Die Frau hieß vielleicht Cornelia, oder Sabine. Sehr viel anders konnte die Frauen in diesem Haus eigentlich gar nicht heißen: sie hätten sonst nicht zu dem Haus gepaßt. Das hat aber gerade die Stärke dieses Hauses ausgemacht: daß alles so zusammenpaßte. Bis zu dem Tag im Frühling 1945, der das ganze Haus auf den Kopf stellte.”

So zu lesen in der “Frankfurter Rundschau” im Mai 1956. Das ist einige Zeit her, aber dennoch charakterisiert der Text auch unseren Mentalitätshintergrund als Angehörige der Bildungsschichten, der deutschen pädagogischen Professionen. Wir stehen in der Geschichte eines spezifischen Amerikabildes, gekennzeichnet durch spezifische Vorurteile gegenüber der angeblichen Ungeistigkeit amerikanischer Kultur. Deswegen kann man nicht so tun, als handele es sich um irgendein mit akademischer Nüchternheit zu behandelndes Thema. Es geht um unsere schwierige Beziehung zur kulturellen Hegemonialmacht des 20. Jahrhunderts.

Vor diesem Hintergrund möchte ich drei Aspekte des Themas ansprechen. Erstens: Unterschiede zwischen den Kulturauffassungen in USA und Deutschland. Zweitens: Übereinstimmungen im Verhältnis zwischen Hochkultur und Massenkultur. Drittens: Überlegungen zum Erfolgsrezept der US-amerikanischen Populärkultur. Viertens: eine Coda.

 

1. “Just do it”

Der Soziologe Theodor W. Adorno, weithin bekannt durch die Kritik an der (nach seiner US-amerikanischen Erfahrung modellierten) “Kulturindustrie”, hielt zwischen der Mitte der 1950er und der Mitte der 1960er Jahre wiederholt einen Vortrag über deutsche und amerikanische Kultur; eine autorisierte Mitschrift wurde unter dem Titel “Kultur und Culture” als ‘graue Literatur’ veröffentlicht. Für mich war dieser Text, den der Autor nie unter seine Werke aufgenommen hat, sehr hilfreich. Adorno vergleicht dort die Kulturauffassungen unter den bürgerlichen und gebildeten Schichten Europas und der USA. Beide haben ein gemeinsames geistiges Fundament, das man mit aller Vorsicht als ‘abendländische’, klassisch-jüdisch-christliche Tradition bezeichnen kann. ‘Kultur’ in dieser Tradition ist abgeleitet vom lateinischen “colere”: pflegen, bearbeiten. ‘Kultur’, so sieht es Adorno, bezieht sich auf das Verhältnis Mensch-Natur; fokussiert wird die Bearbeitung und Veredelung dieses Verhältnisses durch den Menschen.

Seit dem späten 18. Jahrhundert haben sich – durchaus in Reaktion aufeinander – aus der gemeinsamen Tradition zwei deutlich unterschiedlich akzentuierte Denklinien herausgebildet. Holzschnittartig gegenübergestellt, kann man mit Adorno sagen: Das Kulturverständnis der amerikanischen Gesellschaft betont in der Beziehung von Mensch und Natur die Seite der praktischen Gestaltung der Wirklichkeit, betont die Umsetzung von menschlichen Zielen und Idealen in die Realität. Im deutschen Kulturverständnis liegt der Akzent eindeutig auf der Seite der menschlichen Reflexion. Das Interesse gilt vor allem der Selbstbesinnung über Menschliches, der Verinnerlichung.
Die unterschiedlichen Herangehensweisen finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen Vorstellungen davon, wo – in welchen Feldern, Tätigkeiten, Errungenschaften – man Kultur vor allem realisiert sieht. Im Selbstverständnis der Amerikaner überwiegt unverkennbar eine immanente Perspektive. Hier sucht und findet man kulturelle Leistung in erster Linie in der praktischen Gestaltung der Beziehung Mensch-Natur entsprechend bestimmten Idealen. Geistiges wird danach bewertet, wie es zum besseren Leben der Menschen beiträgt. Die amerikanische Kulturauffassung ist, in Adornos didaktischer Gegenüberstellung, pragmatisch handlungs- und lebensbezogen.

Davon unterscheidet sich die europäische und insbesondere die deutsche Tradition. Hier gilt als der eigentliche Ort für die Ideale der Raum des Denkens und der Vergeistigung; Kultur suchen und finden wir zuerst und am gewichtigsten in Kunst und Philosophie. In dieser Sicht verbinden sich eine beeindruckende intellektuelle Kraft und der Wille zu geistiger Unbedingtheit mit ausgeprägter Schwäche des Umsetzungswillens. Hölderlin hat das im “Hyperion” in seiner Charakteristik der Deutschen so formuliert: “tatenarm, doch gedankenvoll”.

Der Kommentar des Jakobiners Hölderlin verweist auf historische Ursachen der so divergenten Akzentuierungen. Die USA waren im 18. und 19. Jahrhundert die bürgerliche Gesellschaft par excellence. Die Gestaltung der sozialen Ordnung im neuen Staat, ohne aristokratisch-feudales Erbe und ständig belebt durch den Durchsetzungswillen der Emigranten vom alten Kontinent, verband sich durchgängig mit Erfolgsorientierung und Erfolgserfahrung. In Deutschland war die Blüte der klassisch-idealistischen Philosophie und der Hochkultur seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts Folge und Pendant der begrenzten realen, pragmatischen Gestaltungsmöglichkeiten des Bürgertums in den weiterhin feudalaristokratisch dominierten (Klein-) Staaten. Es gab keine erfolgreiche Revolution bis 1918, und das verweist auf die politisch-soziale Schwäche des eigentlichen kapitalistischen Kerns des Bürgertums in Deutschland. In den deutschen Parlamenten dominierten Professoren und Männer der Feder, andernorts Rechtsanwälte und Unternehmer. Hier liegt ein entscheidender Grund dafür, daß die deutschen Vordenker Kultur als persönliche Bildung, nicht als gesellschaftliche Lebensform definierten.

Adorno betont: In dieser Gegenüberstellung ist jede Stärke zugleich mit einer spezifischen Schwäche verbunden. Er will keineswegs auf eine irgend geartete Überlegenheit der ‘pragmatischen Amerikaner’ gegenüber den ‘versponnenen Deutschen’ hinaus. Was ihn motiviert, ist die Absicht, der damals unter ‘gebildeten’ Deutschen verbreiteten borniert-arroganten Verachtung des ‘amerikanischen Materialismus’ entgegenzutreten, wie sie auch aus dem eingangs zitierten Zeitungsfeuilleton spricht. So präsentiert er ein höchst provokantes Argument: der amerikanische Supermarkt als Verwirklichung einer Utopie, die im Zentrum alteuropäischer Kultur stand und steht. Ihm vermittle, so schreibt er, die überwältigende Warenfülle das Gefühl:

“es gibt keinen Mangel mehr, es ist die schrankenlose, die vollkommene Erfüllung der materiellen Bedürfnisse überhaupt. Aber hier sollten wir uns sehr ernst fragen: enthält nicht alle Kultur in unserem europäischen Sinn, dem der geistigen Kultur, etwas wie eine Anweisung auf diese utopische Erfüllung? Erinnern Sie sich an irgendein großes Gebilde der europäischen Geisteskultur. [...] Denken Sie an ‘Romeo und Julia’ von Shakespeare. Die überwältigende Kraft dieses Stückes würde wohl kaum existieren, wenn seine Idee nicht die Erfüllung, die schrankenlose Erfüllung der Liebe, der vollen erotischen Liebe zwischen diesen beiden Menschen wäre. Wenn in diesem Stück nicht … als die Kraftquelle, aus der all das lebt, stünde, es soll Glück sein, die Menschen sollen sich einander gewähren können, es soll erfüllt sein, es soll nicht verboten sein, dann wäre selbst das Gedicht von der Nachtigall und der Lerche, eines der höchsten Gedichte, die je ein Mensch in einer europäischen Sprache geschrieben hat, eben wirklich auch als Kunstwerk, als geistiges Gebilde nicht, was es ist.”

 

2. Schund und Heritage

Bisher haben wir differente Kulturauffassungen betrachtet, sozusagen die unterschiedlichen Brillen, durch die Europäer und Amerikaner auf Wirkliches schauen, um es in seiner kulturellen Qualität zu beurteilen. Und wir haben im Sinne einer idealtypischen Gegenüberstellung gerade die Differenz betont. Die Unterschiede in den kulturellen Praktiken von Deutschen und Amerikanern, die Unterschiede in der realen Bedeutung und alltagspraktischen Nutzung von Hoch- und Massenkultur waren (und sind) sehr viel geringer. Auch im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts dominierte die Populär- und Unterhaltungskultur. Man könnte geradezu sprechen von der faktischen Marginalität der Hochkultur im Gesamt des geistig-künstlerischen Konsums der Bevölkerung, und das gilt (mit Ausnahme einer kleinen bildungsbürgerlichen Schicht) auch für die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Eliten.

Der Buchhandel vertrieb noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts Exemplare der Erstauflage von Goethes “West-östlichem Divan” aus dem Jahr 1819. Dabei wurden von bedeutenden Lyrikbänden nur wenige hundert Exemplare gedruckt! 600 – 800 Stück war die Durchschnittsauflage anspruchsvoller Literatur im gesamten 19. Jahrhundert, auch von Raabes “Chronik der Sperlingsgasse” beispielsweise. Sicher: “Die Buddenbrooks” waren ein Verkaufserfolg schon vor der Verleihung des Nobelpreises an Thomas Mann. Aber es spricht viel für die Annahme, daß der Roman gekauft wurde, weil man ihn als Familiengeschichte lesen konnte – genauso wie die eigentlichen Bestseller der Zeit, die Romane von Alexandre Dumas, Luise Mühlbach, Adolf Ernst von Winterfeld, Gregor Samarow, Friedrich Wilhelm Hackländer, Hans Wachenhusen, Ewald August König, Philipp Galen, Friedrich Gerstäcker, Balduin Möllhausen. Die letztgenannten AutorInnen waren die Spitzenreiter in den Katalogen der großen Leihbibliotheken 1889-1914. Und Leibibliotheken waren bis ins 20. Jahrhundert hinein die eigentlichen Literaturversorger der deutschen Mittel- und Oberschichten, die erbärmlich wenig Geld für den Erwerb von Büchern auszugeben pflegten.

Aus dieser Perspektive erweist sich auch Deutschland, völlig im Einklang mit den anderen europäischen Nationen, als dominiert von der Massenkultur und ihren populären Vorläufern – im Grunde nicht anders als in dem Bild, das man hierzulande von den USA hat. Wie geht man nun in den USA und in Deutschland mit diesem Faktum um? Daß die Vorherrschaft von Populär- und Unterhaltungskultur im “Land der Dichter und Denker” viele überrascht, hängt zusammen damit, daß unser Bild von der Kulturgeschichte bis zum Selbstbetrug bestimmt wurde von der skizzierten Kulturauffassung. Für sie gab es nur die großen Werke, völlig unabhängig von der realen Rezeption; und was die vielen konsumierten, das kam gar nicht ins Gesichtsfeld von Kunsthistorikern und Germanisten (bei nicht wenigen von ihnen aufgrund der Überzeugung, die Werke könnten gerade wegen ihrer Popularität nichts taugen).

Die preiswerte populäre Literatur des 19. Jahrhunderts gilt nun in den USA als kulturelles Erbe (cultural heritage). Sie wurde gesammelt von den Institutionen, die das Material bewahren sollen für das kulturelle Gedächtnis der folgenden Generationen, von Bibliotheken und Archiven. Zumindest in Mikrofiche-Ausgaben sind Abertausende von Captivity novels und Dime novels aus dem 19. Jahrhundert überall in Bibliotheken zugänglich. In der Library of Congress lagern zwanzig- bis fünfzigtausend Hefte von Dime novels, die seit 1860 erschienen sind. Diese vielgelesene und vieldiskutierte Literatur ist für die Amerikaner Teil des ‘nationbuilding’ seit dem späten 18. Jahrhundert, ein erstrangiger Beitrag zur Selbstverständigung und zum Zusammenwachsen der Immigrationsgesellschaft der USA. Diese Texte formten Bild und Mythos der frontier, des Westens, des weißen Zivilisators und self made man, aber auch der Gegenfigur des “Wilden”. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfolgte dann, mit der Urbanisierung, die Wendung der populären Literatur zur Stadt. Eine Detektivfigur wie Nick Carter wurde Millionen von LeserInnen zum Führer durch den Dschungel der modernen, multikulturellen Städte. Weil im Bewußtsein der Amerikaner von den Problemen und Leistungen des nationbuilding populäre Genres wie Groschenliteratur und frühes Kino (penny arcades, nickelodeon) einen bedeutenden Platz einnehmen, deswegen sind sie ein anerkanntes Element der cultural heritage.

In Deutschland gab es durchaus vergleichbare Phänomene, etwa die zumeist als ‘Kolportageromane’ bezeichneten Lieferungsromane seit den 1850er Jahren. Auch sie machten, das kann man aus den Titel schließen, vielen Deutschen wichtige Angebote zur Deutung ihrer Erfahrungen in den Umwälzungen der sich industrialisierenden, urbanisierenden, säkularisierenden Gesellschaft. Ich nenne nur einige Titel: “Die wilde Jagd nach Gold und Glück oder die Opfer des Börsenkrachs” (1874); “Weiße Sklaven oder Ein Opfer der Kirche” (1869/70); “Ein Kind des Volkes oder Der Arbeiterkönig” (1869); “500 000 Taler durch Verbrechen, Blut und Schweiß oder Handwerker, Arbeiter und Fabrikant” (1868); “Durch Nacht zum Licht oder die Geheimnisse von Stuttgart. Sozialer Sittenroman” (1893); “Die Macht des Weibes oder Leben, Lieben, Kämpfen. Roman aus dem modernen Leben” (1893); “Ellinor, die Rächerin der Frauen” (1901).

In Deutschland gilt jedoch, was der Medienforscher Marshall McLuhan einmal lakonisch so formulierte: Je mehr es gab, desto weniger gibt es. Je höher die Auflagen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, daß Bibliotheken und Archive das Material verschmähten. Populärliteratur und früher Film galten den Verwaltern des kulturellen Gedächtnisses als “Schund”. Groschenhefte wurden von Lehrern verbrannt, nicht in öffentlichen Bibliotheken gesammelt. Vor wenigen Jahren erst hat das Deutsche Literaturarchiv in Marbach mit der privaten Sammlung Kosch einen Korpus von Lieferungsromanen erworben, der nun auch der Forschung bequem zugänglich ist. Bis heute allerdings ist dieses für unsere Mentalitätsgeschichte so aufschlußreiche Material noch kein Gegenstand der Historiker oder Literaturwissenschaftler.

Wir können also festhalten: Schon im 19. Jahrhundert spielte die populäre Kultur in den USA und Deutschland eine durchaus vergleichbare Rolle bei der Bildung von Welt- und Selbstmodellen in allen Schichten der Bevölkerung. Die tiefgehende Differenz zeigt sich in der unterschiedlichen Schätzung der Leistungen von Populär- und Massenkultur. Während die einen nach dem Beitrag zur sozialen Selbstverständigung und damit auch zur Gesellschaftsgestaltung fragen, gelten den anderen immer noch individuelle Vergeistigung und selbstzweckhafte ideelle Persönlichkeitsbildung als Maßstab. Es gibt hier keinen totalen Gegensatz, aber doch anhaltend konträre Akzentsetzungen.

 

3. Kreolisierung

Ich habe bewußt Beispiele aus dem 19. Jahrhundert gewählt, um dem Deutungsmuster ‘Amerikanisierung’ zu entgehen. Denn der weltweite Erfolg US-amerikanischer Populärkultur im 20. Jahrhundert hat dazu geführt, daß hierzulande der Aufstieg der Massenkultur immer wieder als fragwürdige Nachahmung amerikanischer Modelle angeprangert wurde. Und wo es gar um direkte Importe von Tänzen, Musik, Moden ging, da war man schnell mit Vorwürfen wie ‘Manipulation, Überwältigung, ökonomischer Druck’ bei der Hand. Wir können hier einen insgesamt für den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte in diesem Jahrhundert kennzeichnenden Topos wiedererkennen: Die Deutschen sehen sich mit Vorliebe als Opfer. Ich will hier nur an einem Punkt genauer nach dem Erfolgsrezept der aus USA exportierten Populärkultur fragen. Es liegt, so die These, in der spezifischen ästhetischen Qualität der amerikanischen Massenkünste.

Statt von Amerikanisierung spricht die Kulturanthropologie seit einiger Zeit von ‘Kreolisierung’. Dahinter steht folgender Grundgedanke. Die Rezeption, der Konsum, die Aufnahme von Elementen einer anderen Kultur wird nicht als sich selbst aufgebende, das Eigene auslöschende Übernahme verstanden, sondern als Aneignung, als Anverwandlung. Was oberflächlich als ‘Amerikanisierung’ bezeichnet wird – Tanzen zu Popmusik, Essen bei McDonalds, Hingerissensein durch Hollywoodfilme usw. -, das wird aus dieser Perspektive analysiert als Ausdruck tradierter Sichtweisen und Kulturmuster in ‘amerikanischem’ Material.

Die Karibik gilt der Forschung infolge der anhaltenden ethnischen Mischung und kulturellen Hybridisierung seit dem 17. Jahrhundert als Labor für Kreolisierung. Das wurde zunächst auf dem Feld der Kreolsprachen untersucht, die sich nicht als minderwertige, verarmte Schwundvarianten des Spanischen oder Englischen entpuppten, sondern als eigenständig und kreativ sich entfaltende, ‘vollwertige’ neue Sprachen im Ergebnis von Aneignung und Umarbeitung. In diesem Jahrhundert standen die Kulturprozesse in der Karibik zunehmend unter dem Einfluß amerikanischer Kulturexporte und Kulturmaterialien.

Ein Beispiel für die Aktualisierung und Verwirklichung tradierter Sinngehalte durch angeeignetes Amerikanisches bieten haitianische Voodoo-Kulte der Gegenwart. Die Götter verlangen recht aufwendige Opfer. Die darzubringen, ist für die armen Familien oft nur möglich mithilfe von Geldtransfer durch die Arbeitsmigranten, die in die USA gegangen sind. Auch dort bleiben sie mit der Familie und mit deren Verpflichtungen gegenüber den Göttern verbunden. Überweisungen reichen da nicht aus, die Logik der Kulte verlangt, daß sie selber bei den Ritualen präsent seien. Hier hilft die neue, “amerikanische” Medientechnologie. Sie macht es möglich, auch in den USA am Kult der Familie teilzunehmen, durch Kassetten mit rituellen Gesängen oder neuerdings mithilfe von Videofilmen. Andernfalls würden die Götter die säumigen Kinder der Familien im Norden strafen. Verändert haben sich mit dem amerikanischen Einfluß auch die Opfer. Manche Priester fordern statt Mais und Hühnern nun Pepsi und kalifornischen Champagner. In diesem Fall darf man schon fragen: Wer ordnet sich hier wen kulturell unter?

Kreolisierung gilt vielen Anthropologen heute als ein Modell, das sich auf weite Bereiche des globalen kulturellen Austausches anwenden läßt. Aus diesem Blickwinkel wird dann auch ein einzigartiger Vorteil der USA sichtbar: Dort wurden kommerzielle populäre Künste bereits seit mehr als einem Jahrhundert für ein multiethnisches, multikulturelles Publikum entwickelt. Das hatte Folgen in zweifacher Hinsicht. Einerseits verlangte Erfolg auf dem gesamten amerikanischen Binnenmarkt eine künstlerische Sprache, die in ihren Formeln und Handlungsmustern ethnische Grenzen überschritt, von Publikum mit höchst unterschiedlichem mentalem Hintergrund rezipierbar war. Was diese Probe bestand, war logischerweise auch von seiner inneren Struktur, von seiner ästhetischen Machart besonders gut geeignet, nationale Grenzen zu überschreiten und Menschen in Übersee anzusprechen, zu faszinieren, zu rühren. Andererseits erwies sich ‘Kreolisierung’ – Austausch, Verschmelzung, Hybridisierung verschiedenster kultureller Potentiale und künstlerischer Sprachen – als unvergleichliche, unerschöpfliche Quelle ästhetischer Innovation und Kreativität im eigenen Land.

Die USA waren und sind in kultureller Hinsicht eine Welt im Kleinen, ein Abbild globaler Diversität. Deswegen erweist sich “amerikanische Kultur” als anschlußfähig an die verschiedensten Voraussetzungen, auf die sie trifft. Die populäre Musik ist besonders geprägt von Vielfalt und Mischung künstlerischer Einflüsse, die in der Neuen Welt zusammenkamen. Am Beispiel des Jazz – der ja nicht wenigen, und mit guten Gründen, als der originellste und folgenreichste amerikanische Beitrag zur Weltkultur im 20. Jahrhundert gilt – sei das hier knapp veranschaulicht. Nur einige Einflüsse aus dem komplexen Gemisch, das unaufhörlich neue Verbindungen bildete, können hier erwähnt werden.

Eine der wichtisten Quellen des Jazz, der Ragtime, bezeichnet das synkopierte Klavierspiel amerikanischer Wandermusikanten im letzten Drittel 19. Jahrhunderts. Er wurde kompositorisch aufgegriffen und weiterentwickelt von europäisch ausgebildeten schwarzen Pianisten wie Scott Joplin. Dies wiederum veränderte die Spielweise der afroamerikanischen Blaskapellen, der Brass Bands, deren Repertoire überwiegend europäische Musikgenres wie Märsche, Polkas und Quadrillen umfaßte. Auf dem Weg zum Jazz kamen dazu Elemente des Bluesgesangs, die in die Praxis der Street und Marching Bands aufgenommen wurden. Sie verschmolzen um 1900 Eigenheiten afroamerikanischer Volksmusik in Spielweise, Timbre, Rhythmus und Intonation mit europäischer Instrumentation und europäischem Repertoire der Blasmusik. Gerade im Vergnügungsviertel von New Orleans arbeiteten neben Amerikanern schwarz-afrikanischer Herkunft auch viele – gleichermaßen diskriminierte – kreolische Musiker, die in ihrer Spielweise ebenfalls vielfältige europäische Traditionen aufgenommen hatten.

Welchen Sinn macht es angesichts der hier nur angedeuteten kreativen Mischungsprozesse, Jazz als ‘amerikanischen’ Musikexport zu bezeichnen? Austausch, Hybridisierung, schöpferische Aneignung aus ‘fremden’ Kulturen war und ist die Existenzweise der Künste in der zusammenwachsenden Welt. Dieses Muster gilt für die europäische Entwicklung in den letzten beiden Jahrtausenden, und der ganze amerikanische Kontinent war seit Kolumbus in der oder jener Weise in transatlantische Austauschprozesse eingebunden. Die simple ethnische oder nationalkulturelle Zuordnung kultureller Phänomene erweist sich da als absolut unterkomplex.

‘Amerikanisch’ war und ist die einzigartige Fähigkeit – man könnte auch sagen: die einzigartige Notwendigkeit – zur Hybridisierung, zur Kreolisierung der populären Kultur. Und ‘amerikanisch’ – war und ist die einzigartige Fähigkeit (und die ökonomische Notwendigkeit) der Kulturindustrie, diese Impulse aufzunehmen und perfekt auszuarbeiten. Ausgefeilte Arbeitsteilung, hohe Spezialisierung, die langwährende Akkumulation von Know-how bis in die kleinsten Details sind sozusagen die handwerklichen Garanten für ästhetische Qualität.

Vielleicht könnte man noch ein drittes Element benennen, das das hohe Niveau und die Anziehungskraft der populären Künste aus USA ermöglicht hat: das – im Vergleich zu Europa – unvergleichlich höhere gesellschaftliche Ansehen von Künstlern der Populärkultur. Ganz egal, ob wir an James Stewart oder an Robert Redford denken, an Babe Ruth oder Magic Air Johnson – sie galten und gelten nicht nur als Clowns der Extraklasse, sondern vielen Amerikanern als Autoritäten auch in moralischen und sozialen Fragen, nicht weniger als Professoren oder Politiker. Wie immer man das als Europäer bewertet, eines ist klar: In den USA ist die populäre Unterhaltung ein Feld, das den Ehrgeiz und den Aufstiegswillen der Besten anzieht, weil sie hier zu vergleichbarem Ansehen und Einfluß gelangen können wie in anderen Berufskarrieren.

Denken wir nur einmal kurz an die Glanzzeiten der populären Künste in Deutschland vom Anfang des Jahrhunderts bis 1933. Mir scheint, der bis heute nicht erreichte Standard etwa im Bereich des Schlagers und des Films hängt auch damit zusammen, daß hervorragende Talente sich den populären Genres zuwandten. Sie konnten diese Entscheidung treffen, weil wichtige Teile der Öffentlichkeit und nicht wenige Kollegen der E-Kunst die Massenkultur insgesamt für ein wichtiges künstlerisches Feld hielten und herausragende Leistungen durchaus würdigten. Wer hier Spitzenleistungen vollbrachte, konnte neben guten Honoraren auch mit Anerkennung zumindest in den nicht antimodern verbohrten Sektoren der Gesellschaft rechnen.

Wie wir wissen, waren es besonders Künstler jüdischer Herkunft, die in der populären Musik und im Filmgewerbe Witz, Glanz, Perfektion realisierten. Doch es liegt nicht nur am Verlust dieses Elements der deutschen Populärkultur, daß die Schlager der 20er Jahre unerreicht dastehen. Es scheint auch, als hätten nach 1945 Schlagertexter und –komponisten, Drehbuchautoren und Regisseure ein deutlich geringeres Ansehen gehabt als in den ersten drei Jahrzehnten des Jahrhunderts – mit dem zu erwartenden Ergebnis, daß diese Aussicht Talente nicht gerade anzog. Auch so hängen nationale Kulturauffassung und Qualität der Massenkultur zusammen.

Fassen wir kurz zusammen, wo die Ursachen für den globalen Erfolg US-amerikanischer Massenkultur liegen. Sie kann, das war meine These, internationales Publikum gewinnen, weil es sich um Arbeitsergebnisse perfekter und hochqualifizierter Profis handelt, die schon harte, quasi systematische Tests auf dem disparaten Binnenmarkt der USA bestanden haben. Es handelt sich, so könnte man zugespitzt formulieren, um Ergebnisse inner-amerikansicher Kreolisierung, die sich genau wegen dieser Qualität als verführerische Angebote zur kreolisierenden Nutzung rund um den Erdball bewähren. Man spricht in diesem Zusammenhang von der ‘soft power’ der US-Kulturindustrie. Wenn man darunter die Plastizität, die vielfache Anschlußfähigkeit und die Möglichkeit zur Umdeutung nach dem Maß der jeweiligen indigenen Kulturen versteht, dann ist die Metapher von der Weichheit als Erfolgsrezept ganz treffend.

 

4. Coda

‘Soft Power’ beruht auf spezifischen Glückserfahrungen, die in der Nutzung populärkultureller Angebote zu machen sind. Wenn wir an Adornos Beispiel vom Supermarkt denken, dann könnte man wagen zu sagen: Das Vergnügen, der ‘fun’, den die Nutzer als entscheidenden Gebrauchswert der Populärkultur suchen, ist einer der Wege, um den Utopieanspruch unserer abendländischen Kultur in jedermann und jederfrau zugängliche Praxis umzusetzen.
Ich gebe zu, daß ich Zweifel habe, ob ein Adorno redivivus diesen Schluß billigen würde. Deswegen will ich mich hier auf einen anderen Gewährsmann berufen, der als Grenzgänger zwischen E und U ausgewiesen ist: den Komponisten und Musikvermittler Leonard Bernstein. Er hat einmal geschrieben:

“Spaß ist das ‘x’ in jener Gleichung, die herauszufinden sucht, warum es die Künste überhaupt gibt.” Um zu bestimmen, welche Erfahrungen mit ‘Spaß’ gemeint sind, greift er in bester amerikanisch-pragmatistischer Tradition populäre Vergnügungen auf, die jeder von uns kennt: Party, Hot dog, Krimilektüre oder die Fahrt mit dem Riesenrad. Und er fährt fort: “Es genügt, diesen Spaß des Alltags auf das Gebiet der Kunst zu übertragen, die Erfahrungswerte zu vertiefen, Flüchtigkeit zu Stetigkeit zu verfestigen… . (So wie himmlische und irdische Liebe keineswegs voneinander grundverschieden sind. Sie sind lediglich zwei verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Phänomens, mit unterschiedlichen Beweggründen und unterschiedlichen Folgen. Und man kann an beiden Spaß haben.)”

Womit der Kreis von Plato zur West Side Story ebenso geschlossen wäre wie der vom Supermarkt zu Shakespeare.

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Der Artikel von Kaspar Maase ist in Heft 16/2 2001, Seite 2-12, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.