16 – 2 /2001: Kulturforschung im Raum

 

Michael Simon
Kulturforschung im Raum

 

1. Einleitung

Nach Sigurd Erixon beinhalten volkskundlich-ethnologische Untersuchungen drei verschiedene Dimensionen, die sich als zeitliche, räumliche und soziale Größe im Forschungsprozeß umschreiben lassen (vgl. Å. Hultkrantz 1960, S. 113). Jede dieser Kategorien entspricht einer bestimmten Perspektive im Fach, die in Anlehnung an die einschlägigen Nachbarwissenschaften als historisch, geographisch oder soziologisch verstanden werden kann.

Im Rückblick auf die Fachgeschichte ist zu sagen, daß es unterschiedliche Phasen gab, in denen sich das Forschungsinteresse einseitig auf einen dieser Aspekte konzentrierte. Während es am Anfang der volkskundlichen Bemühungen im 19. Jahrhundert vorwiegend historische Fragestellungen waren, welche die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Volk und seiner Kultur bestimmten, ist für das frühe 20. Jahrhundert ein steigendes Interesse an einer raumorientierten Forschung zu verzeichnen, das sich dann nach dem Zweiten Weltkrieg und spätestens nach ’68 zugunsten sozialwissenschaftlicher Untersuchungen verschob.

Wenn in diesem Beitrag primär methodische Aspekte der raumorientierten Kulturforschung angesprochen werden, geschieht das in dem Bewußtsein, daß hier lediglich ein Teilbereich volkskundlicher Arbeit vorgestellt wird, der stets der Ergänzung und Vernetzung mit anderen Aufgaben und Verfahren des Faches bedarf. Dagegen müssen ältere Versuche, die Disziplin einseitig durch ihre Beziehung auf den Raum oder eine andere Dimension zu definieren (vgl. A. Bach 1960, S. 137), als überholt angesehen werden.

 

2. Frühphase der Forschungen

Überlegungen zu den kulturprägenden Einflüssen des Raumes haben in der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte eine lange Tradition. Es waren vor allem die Erfahrungen aus den überseeischen Begegnungen, die zu frühen Versuchen anregten, die Unterschiede der menschlichen Lebensformen aus den äußeren, natürlichen Bedingungen ihres Daseins abzuleiten. Mit der Aufklärung und Romantik verstärkte sich daneben das Interesse am eigenen Volk und seinen geschichtlichen Grundlagen, deren Erforschungsmöglichkeiten seitens der Sprachwissenschaft in imponierender Weise vorgeführt wurden (“Grimmsche Gesetz”). Der Gedanke, aus den spärlichen Überresten in der Gegenwart (Relikte, “survivals”) die verlorengegangene Geschichte und Kultur des (gleichzeitig nach politischer Macht strebenden) Volkes zu rekonstruieren, führte zu systematischen Sammlungstätigkeiten, die auch den Gegenstandsbereich der Volkskunde berücksichtigten.

Als wichtiger Vertreter dieser Forschungsrichtung ist für das 19. Jahrhundert Wilhelm Mannhardt mit seinem Plan für ein “Urkundenbuch der Volksüberlieferungen” zu nennen, das in bewußter Nachfolge der Brüder Grimm den Ausgangspunkt für seine weitgespannten mythologischen Betrachtungen im indo-europäischen Raum geben sollte. Freilich verzichtete Mannhardt darauf, seine mit Hilfe von Umfragen (“Bitte”) gewonnenen Belege unter strenger Beachtung zeitlicher und räumlicher Zusammenhänge auszuwerten, sondern war fasziniert von der Idee, aus den noch lebendigen Volkstraditionen seiner Zeit “eine sichere Kunde über die Mythen der Vorwelt” abzuleiten (vgl. I. Weber-Kellermann 1965, S. 16).

Regional und zeitlich weitaus beschränkter, aber dafür wesentlich handfester waren die Forschungsinteressen von Wilhelm Heinrich Riehl, der 1855 in der 2. Auflage seines Buches “Land und Leute” die “natürlichen Vorbedingungen” für eine ethnographische Dreigliederung Deutschlands zu beschreiben suchte und seine Arbeit als Beitrag zur “Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik” verstand. Zur Überprüfung seines Konzeptes schrieb er wenig später (1857) “Die Pfälzer. Ein rheinisches Volksbild”, das bis heute als Klassiker unter den zahlreichen volkskundlichen Regionalstudien gelten kann. Bemerkenswert ist außerdem Riehls Veröffentlichung aus dem Jahre 1869, in der er die methodischen Grundlagen seiner Arbeit zusammenfaßte. Diese von ihm als “Wanderbuch” herausgegebene Schrift stellt trotz mancher vorgebrachten Kritik (H. Moser 1979) einen frühen und wichtigen Versuch der systematischen Reflexion zentraler volkskundlicher Arbeitsweisen dar (vgl. A. Lehmann 1988, G. Wiegelmann 1979).

Die geistig-politischen Strömungen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts förderten ein wissenschaftliches Klima, das aus heutiger Perspektive oft einseitig als gedankliche Vorbereitung des Nationalsozialismus gesehen wird, ohne dabei die verschiedenen Ansätze in ihrer Zeit zu verstehen. Insbesondere die spätere Verquickung raumbezogener Kulturfragen mit den Ideen der Politischen Geographie (“Geopolitik”) und eines vulgären Sozialdarwinismus führte im Zusammenhang mit den europäischen Großmachtkonflikten zu einer Korrumpierung ganzer Forschungsfelder, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem “main stream” des volkskundlichen Interesses verschwanden. An die Stelle großräumiger Untersuchungen traten vor allem ab dem Ausgang der 60er Jahren soziologisch oder ethnologisch orientierte Mikroanalysen, in denen versucht wurde, den elementaristischen Blick auf die Kultur durch eine differenzierte, ganzheitliche Betrachtung der Phänomene zu überwinden.

 

3. Mikro- versus Makrostudien

In der Tat offenbart sich an dieser Stelle ein Grundproblem volkskundlicher Arbeit. Es besteht darin, daß die Auswahl einer bestimmten Fragestellung fast zwangsläufig zur Vernachlässigung einer der drei genannten Dimensionen führt. Soll etwa in einer Untersuchung das Zusammenleben in einem Dorf oder Stadtteil thematisiert werden, kommt es darauf an, die verschiedenen Gruppen des Ortes (nach Geschlecht, Alter, Beruf, Schulbildung, Einkommen oder Sozialprestige) zu identifizieren und in ihrem alltäglichen Umgang zu beschreiben. Gleichzeitig wird man nicht umhinkönnen, einen Blick auf die aktuellen Traditionen und ihre historische Entwicklung zu werfen, wohingegen sich Vergleiche mit anderen Gemeinden auf die nächste Umgebung oder das Nötigste beschränken werden. Stellt sich freilich im Zuge einer solchen Studie heraus, daß zum Beispiel ein gewisses Dorffest für das Gemeinschaftsleben eines Ortes von besonderer Bedeutung ist, wird der Wunsch wachsen, Genaueres über seine Häufigkeit und Verbreitung anderenorts zu erfahren, um mit diesem Wissen zu einer umfassenderen Interpretation lokaler Phänomene zu gelangen.

Bei der auf den Raum gerichteten Diffusionsforschung ist es dagegen wichtig, einzelne kulturelle Aspekte auf dem Wege der Generalisierung aus ihrem lokalen Kontext zu lösen, um tatsächlich etwas über ihre weitere Verbreitung zu erfahren. Zur Veranschaulichung dieser Ergebnisse lassen sich Karten zeichnen, aus denen dann zu ersehen ist, in welchen Orten Deutschlands z.B. Schützenfeste eine besondere Rolle spielen und wo man statt dessen lieber Kirchweih feiert. Solche “thematischen Karten” können sukzessive für viele verschiedene Aspekte des Alltagslebens angefertigt werden und zu Aussagen über die kulturräumliche Gliederung ganzer Regionen und Länder führen. Belege für das Aufeinandertreffen spezieller Phänomene innerhalb eines eingegrenzten Gebietes werden dazu berechtigen, für den Raum eine besondere kulturelle Prägung anzunehmen, deren Hintergründe in einem zweiten Schritt zu erforschen sind. Solche sehr aufwendigen Untersuchungen, die in der Vergangenheit am erfolgreichsten für Gebiete mittlerer Größenordnung durchgeführt wurden (s. etwa die Arbeiten von H. Schwedt über Rheinland-Pfalz), bieten neben den ihn eigenen Erkenntnismöglichkeiten auch im Sinne mikroanalytischer Forschungsansätze einen klaren Gewinn, da sie wichtige Kriterien für die Auswahl potentieller Untersuchungsorte liefern und Antworten auf Fragen nach der Repräsentativität der im Einzelfall gewonnenen Ergebnisse geben können.

 

4. Zum Begriff “Kulturraum”

Freilich beinhaltet der hier mit gewisser Leichtigkeit skizzierte Forschungsansatz einige Probleme, die sich insbesondere dann verdichten, wenn es um den Begriff “Kulturraum” geht. Herkömmlicherweise versteht man darunter eine Einheit, die sich durch das räumliche Aufeinandertreffen vieler bzw. mehrerer wichtiger “Volksgüter” abzeichnet (vgl. A. Bach 1960, S. 333). Allerdings bereitet diese Definition insofern Schwierigkeiten, als sie das konkrete Ausmaß an Übereinstimmungen für den positiven Nachweis eines Kulturraumes offenläßt und darüber hinaus die komplexe Frage aufwirft, nach welchen Gesichtspunkten man überhaupt das Gewicht einer kulturellen Erscheinung bestimmen kann.

Zur Lösung des zweiten Problems hat Günter Wiegelmann 1965 auf mehrere Kriterien verwiesen, die zur Einschätzung der Bedeutung einzelner Kulturformen im Alltag dienen können. Wesentlich ist danach, die jeweiligen Phänomene im Hinblick auf ihre Bindung an bestimmte soziale Gruppen zu analysieren (Sozialprestige), ihre Stellung und ihren Einfluß im kulturellen Ganzen zu beachten (System- und Symbolwert), auf ihre Präsenz im Alltagsleben einzugehen (Reproduktionswert) sowie sie in Abhängigkeit von ihrem Alter zu verstehen (Traditionswert). Dabei darf nicht außer acht gelassen werden, daß bei großräumigen Untersuchungen in der Regel unterschiedliche kulturelle Milieus angesprochen werden, in denen das kulturelle Gewicht der ausgewählten und miteinander verglichenen Elemente variieren kann.

Die Dorffeste bieten dafür wieder ein gutes Beispiel. In manchen Orten kann man feststellen, daß Schützenfeste den Höhepunkt im Festleben einer Gemeinschaft markieren und seit alters her alljährlich mit viel Aufwand unter größter Beteiligung der Bevölkerung durchgeführt werden. Anderenorts ist dagegen zu beobachten, daß zwar auch sporadisch Schützenfeste gefeiert werden, aber nur von wenigen, die ihre Aktivitäten kaum nach außen tragen und das Fest neben anderen, möglicherweise sogar wichtigeren Veranstaltungen begehen. Das gleiche Phänomen kann also kulturell Unterschiedliches bedeuten, wobei zu ergänzen ist, daß die Einschätzung der Bedeutung eines Ereignisses durch eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler keineswegs mit der Meinung der an diesen Vorgängen direkt Beteiligten übereinstimmen muß, was das Problem zusätzlich verschärft.

Die Vorstellung, induktiv aus der Konglomeration zahlreicher Übereinstimmungen feste “Kulturräume” ermitteln zu können, die sich in ähnlicher Weise klar voneinander unterscheiden lassen wie im sprachlichen Bereich, erscheint unter diesen Umständen überzogen. Allenfalls wird man davon sprechen können, daß es Gebiete gibt, die sich ungeachtet vieler Gemeinsamkeiten durch bestimmte kulturelle Merkmale voneinander abgrenzen. Dabei können die Übereinstimmungen oder Abweichungen in der alltäglichen Wahrnehmung von ganz unterschiedlicher Bedeutung sein. In einem Falle werden sie gar nicht erkannt oder höchstens mit Gleichgültigkeit registriert, in anderen Fällen unterliegen sie einer starken emotionalen Aufladung und haben einen gruppenkonstituierenden und bekenntnishaften Charakter mit Auswirkungen auf die räumliche Segregation bzw. Integration.

Mit einem Blick in die jüngere deutsche Geschichte lassen sich diese Aussagen untermauern und zugleich das für die Kulturanalyse wichtige Faktum belegen, daß kulturelle Elemente ebenso wie sprachliche Zeichen ihrem Wesen nach “arbiträr” (beliebig) sind (vgl. F. de Saussure). Mit der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich unter dem Eindruck des Ost-West-Konfliktes zwei verschiedene Gesellschaften aus, die sich aufgrund politischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten mit der Zeit kulturell entfremdeten. Der verfassungsmäßig verankerte Wille zur Wiedervereinigung führte in der Bundesrepublik dazu, diese Unterschiede zu bagatellisieren, wohingegen in der DDR, zumindest auf der Ebene der politisch Verantwortlichen, große Bemühungen unternommen wurden, die Eigenständigkeit und Abweichungen im “neuen” Deutschland zu betonen, etwa durch die Einführung und Propagierung einer besonderen, sozialistischen “Festkultur”.

Dennoch erlangten Einflüsse aus dem kapitalistischen Westen in weiten Kreisen der DDR-Bevölkerung einen hohen Prestigewert. Vor allem Konsumgüter aus der Bundesrepublik galten als begehrenswerte Waren, die den als minderwertig empfundenen DDR-Produkten vorgezogen wurden. Daß für solche Präferenzen nicht nur echte Qualitätsunterschiede verantwortlich waren, sondern wohl auch ein Unbehagen mit der offiziellen, verordneten Kultur, zeigt sich heute nach der Wiedervereinigung beider Staaten, wo nach einer kurzen Phase der übersteigerten Anpassung Tendenzen einer nostalgischen Rückbesinnung auf den verlorengegangenen DDR-Alltag wachsen (“Ostalgie”). Einst geschmähte Produkte aus Ostdeutschland wie “f 6″ (Zigaretten), “Rondo” (Kaffee) oder “Spee” (Waschmittel) werden wieder bewußt gekauft, da sie jetzt als ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen im Vergleich zu den aggressiv vermarkteten Westwaren gelten, deren Konsum man sozusagen aus Protest gegen die als Vereinnahmung empfundene Wiedervereinigung ablehnt. Ein paar Geruchs- und Geschmackserinnerungen fungieren hier als Ersatz für eine verlorengegangene Welt und schaffen eine gemeinsame, raumbezogene Identität, die nur ganz partiell auf “objektiven” kulturellen Unterschieden beruht.

Wie sich an diesem Beispiel darüber hinaus zeigt, spielen staatliche, wirtschaftliche, religiös-ideologische oder andere administrative Vorgaben eine wesentliche Rolle bei der Ausbildung räumlicher Unterschiede in der Kultur. Sie schaffen Grenzen und fördern innerhalb der von ihnen umschriebenen Gebiete Verkehrs- und Kommunikationsräume, die über kurz oder lang zu einer Angleichung bzw. Verbreitung bestimmter Kulturformen führen können.

Weitere Einflußfaktoren sind neben sozialen Beziehungen (Familie, Verwandtschaft, Freundschaft) oder sprachlichen Verhältnissen naturräumliche Gegebenheiten, die vor allem in früheren Jahrhunderten bei primitiveren Kommunikationsmöglichkeiten und Verkehrswegen wirkliche Haltepunkte bzw. Umschlagplätze für den Austausch von Neuerungen (Innovationen) waren. In historisch ausgerichteten Diffusionsstudien wurde mehr als einmal nachgewiesen, daß sich zum Beispiel die Ausbreitung von neuen Ideen oder Produkten sehr oft entlang von Flußläufen oder wichtigen Verkehrsadern vollzog (Innovationsgebiete), wohingegen Landstriche in Randlagen (Reliktgebiete) oder jenseits hoher Gebirgskämme und tiefer Wälder von den jeweiligen Entwicklungen unberührt blieben. Überall dort, wo natürliche Schranken mit solchen zusammentreffen, die von Menschenhand geschaffen wurden, verstärkt sich zweifellos ihre Wirkung noch, so daß man von Grenzen verschiedener Ordnung sprechen kann. Diese Erkenntnis läßt sich dafür nutzen, Diffusionsprozesse zu simulieren und auch zu rekonstruieren, was besonders dann interessant erscheint, wenn die genauen Abläufe historisch nicht mehr verbürgt sind. Einschlägige Versuche in diese Richtung wurden etwa von Torsten Hägerstrand (1967) oder Gerhard Hard (1972) unternommen.

Für die historische Volkskunde sind solche Ansätze vor allem deshalb wichtig, da sich das Fach, ähnlich wie die Ethnologie im allgemeinen, mit vielen kulturellen Phänomenen beschäftigt, über deren Geschichte wir eigentlich relativ wenig oder nichts wissen (vgl. P. Burke 1985) – entweder weil es aus dieser Epoche überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gibt oder weil die Vorgänge in ihrer Zeit als so unbedeutend und alltäglich empfunden wurden, daß sich keiner die Mühe machte sie aufzuzeichnen, obwohl sie uns heute wichtige Anhaltspunkte über einst bestehende Kommunikationswege und Austauschbeziehungen geben können. Im Rückblick ähnelt die Geschichte der Alltagkultur dem Lauf in einem komplizierten Gewässernetz, wo sich neben großen Strömen und kleinen Bächen ständig neue Wasserflächen ausbilden und wieder vergehen, nicht ohne allerdings Sedimente zu hinterlassen, an deren Lagerung sich der alte Wasserstand noch ablesen läßt. Bei genauerer Betrachtung des Gebietes wird man viele solcher Schichten entdecken, deren charakteristisches Profil darüber Auskunft geben kann, wann, wo, wie lange und mit welcher Intensität Flutwellen über das Untersuchungsgebiet hereingebrochen sind oder Zeiten großer Trockenheit herrschten.

In der kulturwissenschaftlichen Diffusionsforschung geht man von ganz ähnlichen Vorstellungen aus, indem man die als Indikatoren betrachteten kulturellen Phänomene in ihrer zeitlichen und räumlichen Ausbreitung (als “Kulturströmungen”) untersucht und auf der Grundlage der skizzierten Annahmen miteinander in Beziehung setzt. Einschlägige Forschungsergebnisse sind im deutschsprachigen Gebiet unter dem programmatischen Begriffspaar “Räume und Schichten” bekannt geworden. Ein ähnliches Konzept wurde außerdem in der amerikanischen Kulturanthropologie unter dem Namen “age-and-area” entwickelt.

 

5. Die Ära der “Kulturraumforschung”

In der Zwischenkriegszeit erreichten Untersuchungen der vorgestellten Art einen Höhepunkt. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts hatte Willi Peßler in seiner Dissertation von 1906 versucht, durch Studien am rezenten Baubestand die Verbreitung des altsächsischen Bauernhauses aufzuzeigen. Peßler war ein Schüler des bekannten Anthropogeographen Friedrich Ratzel und verstand seine Arbeit und die daran anschließenden Studien als Beitrag zu einer “deutschen Stammeskunde”. Seiner (spätromantischen) Vorstellung nach lebten im Volksleben der Gegenwart die kulturellen Prägungen aus vorchristlicher Zeit fort.

Diese These glaubte er durch thematische Karten beweisen zu können, auf denen er die Verbreitung typischer Erscheinungen in der Gegenwart mit den einstigen Kernländern der deutschen Volksstämme in Beziehung setzte. Seine Beispiele zeigen die unheilvolle Vermischung volkskundlicher, linguistischer und biologischer Fragestellungen, deren Parallelisierung zwar dem Wunsch nach komplexen Konvergenzen für die Festlegung von Kulturräumen Rechnung trägt, die aber insofern abwegig erscheinen, als es keine “notwendigen Beziehungen” zwischen den drei genannten Bereichen geben kann (vgl. F. Boas 1911).

Trotz größter Ablehnung der inhaltlichen Prämissen seiner Arbeit verdanken wir Peßler wichtige Anregungen im methodischen Bereich. Hervorzuheben sind insbesondere seine Bemühungen um eine systematische Sammlung volkskundlicher Informationen zum Zwecke der kartographischen Darstellung in großräumigen, ortspunkttreuen Karten sowie sein Versuch, das gewonnene Material einer vergleichenden Interpretation zu unterziehen.

Ein bedeutender Impuls für die weitere Forschung ging 1926 von einer Veröffentlichung des Instituts für geschichtliche Landeskunde an der Universität Bonn aus. “Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden” lautete der schlichte Titel des Buches, dessen Verfasser Hermann Aubin, Theodor Frings und Josef Müller waren. Ihr Ziel bestand darin, wie es im Vorwort heißt, “möglichst viele Lebensgebiete und diese für verschiedene Zeiten zu durchmustern und miteinander in Vergleich zu setzen. Wenn dabei bestimmte Räume und Hauptbewegungslinien, in denen und auf denen sich das Leben der vergesellschafteten Menschen abspielt, immer wieder hervortraten, dann mußten sich beherrschende Züge einer Kulturmorphologie der Landschaft ergeben” (S. IV).

Wichtige Anregungen verdankte das Werk den Vorarbeiten des Deutschen Sprachatlas (DSA), dessen fünfzigstem Geburtstag man mit der Herausgabe gedachte. Die gesamte Darstellung war interdisziplinär angelegt: Aubin schrieb – sozusagen als Einleitung – über die “natürlichen Voraussetzungen” und “historischen Faktoren”, wobei er besonders auf die Entwicklung der Verkehrsräume als “Vorbedingung” für die sprachlichen und kulturellen Strömungen achtete. Frings fiel die Bearbeitung des sprachlichen Materials zu, während Müller seinen Beitrag auf der Basis volkskundlicher Umfragen aus dem Jahre 1922 verfaßte. Mit großer Vorsicht diskutierte er die möglichen Ursachen für die von ihm beobachteten kulturellen Erscheinungen (Gesindetermine, Jahresfeuer, Königswahl am Dreikönigstag und Kinderlieder) und hob sich damit entschieden von den spekulativen Annahmen Peßlers ab, den er nichtsdestoweniger als “verdienstvollen Anreger und Führer der kulturgeographischen Volkskunde” zitierte (S. 186).

Der Wunsch und die Bereitschaft, weitere Arbeiten auf diesem Gebiete zu fördern, führten wenig später zur Gründung des Atlas der deutschen Volkskunde (ADV), an dem sich damals fast alle namhaften Vertreter der noch jungen Disziplin beteiligten. Die finanzielle Absicherung des Projektes erfolgte über die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, die das Vorhaben wie kein anderes im geisteswissenschaftlichen Bereich unterstützte. Mit dem Ziel, ein “Inventarbuch” der deutschen Kulturraumforschung zu schreiben, wurden von 1930 bis 1935 im gesamten Deutschen Reich und in verschiedenen angrenzenden Gebieten einschlägige Erhebungen durchgeführt. Insgesamt konzipierte man fünf Fragebogen mit 243 Einzelfragen, um nach dem methodischen Vorbild des DSA aktuelle Informationen zu einer Vielzahl volkskundlicher Themen aus rund 18.000 Belegorten einzuholen. Als Erhebungseinheiten dienten dabei nicht Individuen, sondern ganze Orte, aus denen vertrauenswürdige und sachkundige Bewohner – in der Hauptsache die dort ansässigen Lehrer – stellvertretend für die Mehrheit berichten sollten. Das Antwortmaterial wurde zentral in Berlin gesammelt, wo eine Forschergruppe unverzüglich mit der Auswertung begann.

1937 erschienen die ersten Ergebnisse in Form von 20 thematischen Karten, denen bis 1939 100 weitere in fünf Lieferungen folgten (H. Harmjanz, E. Röhr). Daneben entstand ein reiches Schrifttum, das auf Einzelergebnissen des Atlasmaterials aufbaute (vgl. E. Röhr 1938) und in dichter, kontroverser Form das methodische Vorgehen reflektierte (H. Schlenger 1934, R. Wildhagen 1938, E. Röhr 1939).

Nach einer kriegsbedingten Unterbrechung wurde das Projekt 1954 wieder aufgegriffen und unter Leitung von Matthias Zender fortgesetzt, und zwar in bewußter Abgrenzung zu den politischen Beeinflussungen, denen die Atlasarbeit während der nationalsozialistischen Zeit unterlag (vgl. H. Gansohr-Meinel 1993). Die Kartenpublikationen der Neuen Folge des ADV erhielten außerdem im Unterschied zur Alten Folge einen begleitenden Text, der die kartierten volkskundlichen Phänomene in einen breiteren Zusammenhang stellte und auf der Grundlage gesicherter historischer Erkenntnisse erläuterte (M. Zender 1958-1985).

Darüber hinaus erschienen drei als “Beihefte” bezeichnete Bände, die ausgewählte Fragenkomplexe monographisch untersuchten (über Alltags- und Festspeisen, die Bezeichnungen des Sarges und Redensarten). Von 1965 bis 1970 erfolgte daneben eine 2. und 3. Befragung zu speziellen volkskundlichen Themen, die bei den Vorkriegsuntersuchungen vernachlässigt worden waren bzw. neue Fragen zum Volksleben der Gegenwart behandelten. Schließlich bleibt der Versuch von Ethnokartographen aus ganz Europa zu erwähnen, einen europäischen Volkskunde-Atlas zu konzipieren. Als Ergebnis ihrer langjährigen Bemühungen konnte 1980 das Erscheinen einer Karte zu den Terminen der Jahresfeuer in Europa verzeichnet werden (M. Zender 1980).

 

6. Methodische Probleme der Atlasarbeit

Freilich waren zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse der volkskundlichen Kulturraumforschung schon heftig in die Kritik geraten, wenn nicht sogar durch das Interesse für ganz andere Fragestellungen aus dem Blickwinkel vieler Volkskundlerinnen und Volkskundler verdrängt worden. Die Kritik entzündete sich ganz wesentlich an den methodischen Grundlagen der Atlasarbeit.

Rudolf Schenda faßte seine Hauptvorwürfe 1970 in sechs Thesen zusammen. Als erstes kritisierte er die Zielsetzungen und Techniken volkskundlicher Befragungen im Stil des ADV, die ihm hoffnungslos veraltet erschienen. Zweitens war er davon überzeugt, daß alle diese Ansätze keine objektiven Resultate bringen, da im Prinzip immer nur vorgefaßte Meinungen abgefragt würden. Der dritte Vorwurf mündete in der griffigen Formel, die Befragungen seien “materialorientiert” und nicht “problemorientiert” gewesen. An vierter Stelle verwarf er das klassische Gewährspersonenprinzip, da es eigentlich nur zu einem wissenschaftlich wertlosen “Anekdotalismus” führe. Als fünftes wurden von ihm die mangelnden Erfahrungen von Volkskundlern im Bereich der empirischen Sozialforschung angeprangert, und zu guter Letzt ist die Rede von Forderungen für die Zukunft: volkskundliche Befragungen hätten gegenwartsbezogen zu sein, grundsätzlich das Individuum im sozialen Konflikt zu thematisieren und den Blick in der zeitlichen Perspektive stärker nach vorne zu richten.

Die Kritik spiegelt das Kredo einer neuen Zeit wider, zu dem die überkommenen Forschungserträge nicht mehr paßten. Die früheren Ansätze der Datengewinnung erschienen nun in den Augen ambitionierter empirischer Sozial- und Kulturwissenschaftler so fragwürdig, daß auf eine weitere inhaltliche Auseinandersetzung verzichtet wurde und nicht einmal eine Diskussion um den Wert der Atlasmaterialien als historische Quelle für das frühe 20. Jahrhundert zustande kam. Die Vorstellung, man könne durch die Zusammenarbeit mit einzelnen Gewährspersonen repräsentative Aussagen zu bestimmten kulturellen Phänomenen für ganze Dörfer, Städte oder Kreise ermitteln und vor allem im Sinne einer lokal weitgehend homogenen Alltagswelt deuten, war, wie erwähnt, durch die Bevorzugung mikroanalytischer Forschungsansätze mit stark differenzierenden Betrachtungsweisen obsolet geworden. Unter diesen Umständen spielte auch die alte Frage keine große Rolle mehr, ob man die notwendigen Informationen lieber per Fragebogen wie beim ADV einzuholen hat oder durch Exploratoren, also geschulte, herumreisende Interviewer, die etwa für den Atlas der schweizerischen Volkskunde (ASV) tätig waren. Beide Verfahren konnten nach Ansicht ihrer Kritiker höchstens zufällige Antworten erbringen, deren weitere Aufbereitung, Interpretation und Diskussion sich somit erübrigten.

Erst in letzter Zeit ist wieder damit begonnen worden, den Quellenwert des Atlasmaterials neu zu erschließen. Dabei stellte sich heraus, daß die in der Zwischenkriegszeit gesammelten Materialien – es geht immerhin um mehrere Millionen Antwortzettel zu volkskundlichen Themen, die an der Universität Bonn aufbewahrt werden – zwar nur sehr bedingt über jenen Aussagewert verfügen, der ihnen ursprünglich beigemessen wurde, daß sie aber durchaus als Zeitzeugnisse zu nutzen sind, die im Detail viele wichtige Informationen und neue Erkenntnismöglichkeiten beinhalten. Zudem bieten sich im Unterschied zu früher, wo das Material in der Hauptsache auf thematischen Karten abgebildet und interpretiert wurde, heute mit den Möglichkeiten der EDV ganz neue Zugänge an, die von der computerunterstützten Kartenerstellung bis hin zu komplexen statistischen Auswertungen reichen (z.B. G. Kehren 1994, M. Simon 1996).

Eine wichtige Voraussetzung für den gewinnbringenden Umgang mit dem Atlasmaterial ist und bleibt seine Vernetzung mit anderen Daten, die die Validität der gewonnenen Erkenntnisse stützen oder ergänzen können. Neben Einzelzeugnissen zur Nuancierung der ermittelten Trends ist vor allem an unterschiedliche Statistiken zu denken, die seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts in reicher Zahl vorliegen und in Verbindung mit volkskundlichem Quellenmaterial wichtige Anhaltspunkte für eine raumbezogene Kulturforschung geben können. Obwohl viele dieser Datenreihen für das 20. Jahrhundert das Schwinden regionaler Besonderheiten belegen und damit die These von der “Entbettung” des sozialen Lebens als Folge einer bisher nie dagewesenen Kommunikation und Mobilität (“Globalisierung”) bestätigen, bleiben doch gewisse “feine Unterschiede” auch in räumlicher Hinsicht spürbar, die nicht zuletzt nach kulturwissenschaftlichen Erklärungsmustern verlangen.

Bestes Beispiel dafür sind jene nicht gerade seltenen Meldungen der Tagespresse, in denen über Regionen mit besonders niedrigen Geburtenraten, mit einer überdurchschnittlichen Sterblichkeit, den meisten Selbstmorden, auffällig vielen Kriminalfällen oder speziellen Konsumgewohnheiten berichtet wird (vgl. etwa auch die einschlägigen Datenreihen in den Allensbacher Jahrbüchern der Demoskopie, hrsg. von Elisabeth Noelle-Neumann). Diese Unterschiede haben für gewöhnlich mehrere Gründe und lassen sich nicht nur auf die kulturprägende Kraft des Raumes zurückführen. Dennoch wäre es falsch, diesem Faktor weniger Aufmerksamkeit zu schenken als den sozialen Implikationen oder zeitbedingten Verschiebungen, die, für sich genommen, auch keine hinreichenden Erklärungen geben können.

 

7. Gegenwärtige Situation und Aufgaben

In einem jüngeren Beitrag hat Gisela Welz (1998) darauf hingewiesen, daß Kulturen und Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts “moving targets” sind, bewegliche Ziele, die nicht stillhalten, wenn man sie “erforschen” will. Wie sie weiter meint, haben die rege Kommunikation und Mobilität in der Gegenwart dazu geführt, daß Kulturen durch geographische Räume nicht mehr wirklich begrenzt und definiert werden. Selbst die Vormoderne sei weniger seßhaft gewesen, als man gemeinhin glaube. Es sei vielmehr ein Traum bzw. eine “Imagination” der Moderne, daß sich das Leben früher in geschlossenen Kreisen vollzogen habe. Daher plädiert sie am Ende ihres Aufsatzes für eine Umkehrung der Forschungsperspektive: statt “Seßhaftigkeit” soll in Zukunft “Mobilität” zur beobachtungsleitenden Kategorie für kulturwissenschaftliche Arbeiten werden. Eine differenzierte Antwort auf diese Forderung soll abschließend eine ungefähre Vorstellung von den aktuellen Aufgaben und Problemen geben.

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Der Artikel von Michael Simon ist in Heft 16/2 2001, Seite 63-78, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.