17 – 1 / 2002: Bilder von Menschen im Zeitalter der Fotografie

 

Jan Carstensen
Bilder vom Menschen im Zeitalter der Fotografie
Ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Fotografie im westfälischen Freilichtmuseum Detmold

 

Im Herbst 1999 erhielt das Westfälische Freilichtmuseum/ Landesmuseum für Volkskunde das Angebot zur Übernahme eines Fotoateliers aus dem Westfälischen Rietberg. Bereits ein Jahr später konnte dieses Gebäude aus dem Jahre 1891 in großen Teilen ins Freilichtmuseum überführt werden. Zu diesem Zeitpunkt war “Fotografie” im Westfälischen Freilichtmuseum bereits ein Thema: es existierte mit älteren und jüngeren Fotografien (Positive, Glasplatten, Fotoalben etc.) der Grundstein eines Sammlungsschwerpunktes.

Hierbei wurden vor allem die historischen Aufnahmen als Quelle für die Forschung genutzt. Seit 1995 kommen moderne künstlerische Fotoaufnahmen und -reportagen hinzu, die einen kritischen Blick auf soziale und familiäre Verhältnisse dokumentieren. Als jüngstes Beispiel ist hier die Dokumentation zum Wohnen und Leben junger Menschen zu nennen. Zu dieser Dokumentation zählen Aufnahmen Jugendlicher von sich selbst, aber auch zahlreiche Fotoserien eines engagierten Dokumentarfotografen. [Jan Carstensen/Thomas Düllo/Claudia Richartz-Sasse (Hg.): ZimmerWelten. Wie junge Menschen heute wohnen. Klartext-Verlag Essen 2000]

Durch den Impuls der Wiedererrichtung eines historischen Fotoateliers und damit der Präsentation von Fotogeschichte im Freilichtmuseum ergab sich ein neuer Sammel- und Forschungsschwerpunkt. Zunächst ging es um die Ausstattungsstücke für ein solches Atelier. Für die spätere Inneneinrichtung wurden entsprechende Kameras, Requisiten, Lampen, Gardinen usw. gesucht. Bereits nach einem Jahr konnte die Sammlung interessante Stücke aus der Zeit ab 1890 verzeichnen. Zwingend notwenig ist für jede qualifizierte Sammlung eine umfangreiche Dokumentation. In Kontakt mit den Stiftern – durchweg ältere Fotografinnen und Fotografen aus Westfalen – entstand ein Netzwerk, das durch Interviews eine gezielte Recherche zuließ. Neben den Fragen zur Einrichtung ergaben sich auch schnell Einblicke in den Lebens- und Berufsweg der einzelnen Fotografen.

Daraus entstand der Wunsch, die Ergebnisse der Befragung nicht nur mit dem Tonbandgerät sowie Stift und Papier, sondern auch bildlich zu dokumentieren, um sie den späteren Besuchern des Fotoateliers möglichst anschaulich präsentieren zu können. Zu diesem Zweck wurden Kontakte zu Institutionen aufgenommen, die Filmdokumente herstellen können und wollen. Eine Kooperation mit Mainz lag nahe, da hier schon eine Tradition des volkskundlichen Filmschaffens existiert. Weiterhin wurden Aufnahmen mit der Landesbildstelle für Westfalen in Münster durchgeführt. Erste Ergebnisse werden anlässlich der Tagung der Arbeitsgemeinschaft Sachkulturforschung und Museum in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vom 3. bis 5. Oktober 2002 im Freilichtmuseum Detmold vorgestellt.

Das Forschungsprojekt “Bilder vom Menschen im Zeitalter der Fotografie” umfasst somit mehr als die reine Dokumentation des wieder aufzubauenden Ateliers im Freilichtmuseum. Es beinhaltet vielfältige Fragen zur Fotografie, die sich in einem zeitlichen Rahmen von 1860, den Anfängen der Fotografie auch auf dem Lande und in der Kleinstadt, bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts bewegen. Hier scheint die klassische Fotografie durch das Aufkommen der digitalen Techniken im professionellen und auch im Amateurbereich ihr vorläufiges Ende zu finden.

In diesem Projekt wird nicht zuletzt die Erforschung der Bildinhalte eine Rolle spielen. Diese soll durch die Untersuchung des Dreiecksverhältnisses zwischen Fotograf, Porträtiertem und Betrachter erweitert werden. Antworten dazu können ehemalige Kunden, Fotografen, Profis und Amateure liefern, die oft über Erinnerungen aus mehreren Generationen verfügen. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Seminar für Volkskunde / Europäische Ethnologie der Universität Münster sollen im Sommersemester 2002 erste Fragen zu dieser Thematik geklärt werden, etwa zum Entstehungsprozeß, der Aufnahmesituation, zu den Kunden, zum Gebrauch von Fotografien oder ihren Aufbewahrungsorten.

Mit der Sammlung von Informationen und Ausstattungsstücken aus der gesamten Fototechnik eines Ateliers wächst die Zahl der Glasplattennegative, Fotoabzüge, Alben, Rahmen usw. Dies alles langfristig zu konservieren, zu restaurieren, zu erhalten und zu erschließen sind die dringlichsten Aufgaben für die Zukunft. Um dem Auftrag eines Landesmuseums für Volkskunde gerecht zu werden, der die Darstellung des Menschen und seiner kulturellen Bezüge in seiner Region beinhaltet, ist ein solches Forschungsprojekt, das den Menschen in den Mittelpunkt rückt, gut geeignet. Gerade ein Netzwerk aus verschiedenen Institutionen und Partnern kann ein solch umfangreiches Projekt zu einem gelungenen Ziel führen.

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Der Beitrag ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 17/1 2002, Seite 32-33, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.