17 – 1 / 2002: Preussens Blaue Blume

 

Siegfried Becker
Preussens Blaue Blume
Zur Ritualisierung des Nationalen in der floralen Symbolik des 19. Jahrhunderts

 

Zusammenfassung

In seinem Beitrag “Preussens blaue Blume – Zur Ritualisierung des Nationalen in der floralen Symbolik des 19 Jahrhunderts” untersucht Siegfried Becker die Kornblume als Beispiel der politischen Instrumentalisierung von Symbolen der Alltagswelt. Bei seiner Analyse bezieht er sich auf Cassirers Entwurf einer Kultursemiotik (1921), der die sozialen, mentalen und materialen Dimensionen der Zeichen in der Kultur differenzierte. Das Emporkommen der Kornblume als symbolische Beschwörung der nationalen Einheit begleitete Preussen auf dem Weg zu einer europäischen Großmacht. Um Legitimation zu erlangen, bedurfte es einer einfachen und eingängigen Visualisierung: Als Pendant zu Rosensymbolik, die der habsburgerischen Kaiserin Elisabeth durch die Ungarn zugeschrieben wurde, wurde der jung verstorbenen Königin Luise die Kornblume zur Seite gestellt. Durch die Verbindung mit der Kornblume, die Bestandteil der mittelalterlichen Mariensymbolik war, wurde die Sakralisierung und Aufwertung der “preußischen Madonna” vorangetrieben.

Nach ihrem Tode wurde die Kornblume zum Symbol der Reichsgründung von 1871 und des Sieges über das napoleonische Frankreich. Die Verbindung zwischen Kornblume und Kaiserkrone diente zur Visualisierung des Anspruches auf letztere. Die Besetzung des Thrones durch Prinz Wilhelm erschien so als naturgegeben. Dabei bestand eine Spannung zwischen der Gleichsetzung der Blume mit der Kaiserkrone und ihrer botanischen Bedeutung. Gerade in den Hungerkrisen und Brotunruhen des Vormärzes war die Kornblume als schädliches Getreideunkraut gefürchtet.

Als würdig befunden, die kaiserliche Tafel zu schmücken, diente die verschmähte Kornblume so zur Kompensierung der sozialen Konflikte. Schon damals klang der Topos der “Volksseele” mit. Auf dem Getreidefeld wie auf dem Schlachtfeld symbolisierte sie die Farbe der Treue und die Farbe des preußischen Soldatenrockes. Somit schuf sie eine “klassenübergreifendes Identifikationsangebot”. Auf dem Titelbatt der 1898 in Wien erschienen Schrift “Der Unbesiegbare. Ein Grundzug germanischer Weltanschauung” von Guido List prangte neben der weißen und roten Nelke die blaue Kornblume, aus einem germanischen Jünglingskopf hervorwachsend. Die Blumensymbolik prophezeite eine Wiederkehr des germanischen Heldenfürsten, eines “Starken von Oben”.

______________________________________________________________________

Zusammenfassung von Meike Büchner. Der vollständige Artikel von Siegfried Becker ist in Heft 17/1 2002, Seite 109-134, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel bestellt werden (ISSN: 0938-2964).