17 – 1 / 2002: Die Ausstellung “Körperwelten”

 

Misia Sophia Doms
Die Ausstellung “Körperwelten” und der Umgang mit der endlichen Leiblichkeit
Das Plastinat als Spiegel

 

Der Beitrag wurde als Referat im Hauptseminar “Kulturwissenschaftliche Studien zum Tod” im Wintersemester 2001/02 gehalten. Misia Sophia Doms wurde für ihre Arbeit im Rahmen des Deutschen Studienpreises zur Fragestellung “Bodycheck – Wie viel Körper braucht der Mensch?” mit dem ersten Preis ausgezeichnet, der ihr am 25.02.2002 in Berlin von der Kuratoriumsvorsitzenden und damaligen Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach überreicht wurde. (Anmerkung der Redaktion)

 

Zusammenfassung

Der Beitrag von Misia Sophia Doms “Die Ausstellung `Körperwelten´ und der Umgang mit der endlichen Leiblichkeit” entstand im Rahmen des Hauptseminars “Kulturwissenschaftliche Studien zum Tod”. In der Ausstellung “Körperwelten – Einblicke in menschliche Körper”, durchgeführt von dem Anatomieprofessor Gunther von Hagens, waren allein in Hannover 778.000 Besucher, was sie zu der erfolreichsten Ausstellung im Nachkriegsdeutschland werden ließ. Den Erfolg erklärte von Hagens mit dem Interesse der Menschen an ihrem eigenen Körper. Dieser soll durch plastinierte, das heißt mit einer speziellen Methode präparierte menschliche Leichen und Leichenteile dem Betrachter offenbar werden.

Das den Besuchern unterstellte Bildungsinteresse wird von Doms in Frage gestellt, waren doch in der parallel veranstalteten Ausstellung “La Specola” – Anatomie in Wachs im Kontrast zu Bildern der modernen Medizin” in Bonn weit weniger Menschen. Anhand ihrer Fragestellung beleuchtet Doms die Problematik der Ausstellung von Leichen interdisziplinär und hinterfragt kritisch den Anspruch von Hagens “zum Abbau des Schauerns vor dem Tode” beitragen zu wollen. Gerade der in der Ausstellung propagierte rational, aufklärerische Umgang mit Leichen läuft den emotionalen Reaktionen entgegen. So fragt Doms provokant: Wieviel Leiche braucht der Mensch um zu erkennen, dass die ethischen und psychologischen Probleme, die durch die Ausstellung entstehen, nicht durch einen naturwissenschaftlichen, aufgeklärten Diskurs zu lösen sind?

Ausgestellt sind unter anderen das Ganzkörperplastinat einer Schwangeren im 5. Monat mit aufgeklappter Gebärmutter und deutlich plastiniertem Fötus. Desweiteren sind unter anderem mißgebildetet Feten und Plastinate mit Eingeweiden in der Hand zu sehen. Raucherlunge und Trinkerleber genügen einem offensichtlich erzieherischen Anspruch. Darf ein Mensch uneingeschränkt über seinen Leichnam bestimmen? Denn die ausgestellten Leichen wurden von Hagens freiwillig zur Verfügung gestellt bzw. sind es herrenlose Leichen. Wie steht es mit der Rechtsprechung, was wird aus der Bestattungspflicht wenn es sich um dauerhafte Plastinate handelt?

Der Besucher bewegt sich gleichsam zwischen Nüchternheit und gruseligem Erschrecken. So finden auch das Leib – Seele -Problem und die damit verbundenen Vorstellungen von Pietät und Trauer in die Arbeit Eingang. Nirgends deutlicher als unter dem Aspekt der Menschenwürde betrachtet komme das Problem des Menschen als Ausstellungsstück zum Vorschein. Gibt es eine Würde des Menschen auch nach seinem Tod? Dennoch sei es gerade die Faszination der Leichen bzw. Leichenteile, die der Ausstellung zu einem solch ungebrochenen Erfolg verholfen habe. Denn sie sind der Schlüssel zur Wiederentdeckung der Empfindungen, die wir nur allzu gern rational entkräften würden: Gefühle von fasziniertem Verlangen nach und Furcht vor der Ergründung der endlichen Leiblichkeit. Ob die gleichsam dem Tode entzogenen und anonymen Plastinate aber als Spiegel der eigenen lebendigen Leiblichkeit fungieren können?

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Zusammenfassung von Meike Büchner. Der vollständige Artikel von Misia Sophia Doms ist in Heft 17/1 2002, Seite 62-108, abgedruckt. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.