17 – 1 / 2002: Schwarzwald gestern und heute

 

Walter Dehnert
Schwarzwald gestern und heute
Eine Rückblende im Film

 

Die Staatliche Landesbildstelle Hamburg verfügt über einen 16mm-Film, der weder Vor- noch Abspann enthält. Zwischentitel erläutern den Film, schriftliche Unterlagen existieren nicht. Die dazugehörige Karteikarte vermerkt lediglich den Filmtitel “Volkstum im Schwarzwald, unbek[annte Herkunft], ca. 1936 (?), 16 [mm]/163 m, sw, stumm, Anfang fehlt.” Unter Benutzung der Berliner Zen-surliste – Entscheidung Nr. 41605 vom 14. März 1936 – und einer Notiz in der Zeitschrift “Film für Alle” 13 (1939), S. 234 gelang es mir, weitere Angaben – insbesondere den Namen des Filmautors – herauszufinden.

“Volkstum im Schwarzwald” 16mm, sw, stumm, 170 m, 18 B/sek, prod. 1935, publ. 1936 Filmhersteller und Kamera: Hans Retzlaff, Berlin Verleih: E. A. Seemann, Leipzig [ein Seestern-Schmalfilm] Filmarchiv der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg, Archiv Nr. 350, nur unvollständige Fassung, denn laut Zensurliste lagen 197 m vor. Filmanfang verregnet, im weiteren Verlauf mehr oder minder starke vertikale Kratzer, 49 nicht originäre Klebestellen, 189 Einstellungen, davon 36 Zwi-schentitel, Umkehrduplikat

Der Film gliedert sich in 13 Sequenzen, zeigt Mädchen bei der Arbeit, in ihrer ‚Freizeit’ und beim Unterricht in der Schule (Zwischentitel: “Die Pflichten der Schule dürfen nicht vergessen werden”), Frauen in Tracht beim Schmücken eines Wegkreuzes, Weißer Sonntag mit dem Zug der Erstkommunikanten, Aufnahmen in der Kirche, Gang einer Familie mit ‚Täufling’ (Zwischentitel: “Von dem fernen Berghof bringen die Eltern ihren Täufling zur Kirche ins Tal”), ein Orchestrion mit beweglichen Figuren und tanzenden Trachtenmaidli (Zwi-schentitel: “Als es noch keinen Rundfunk gab, war das Orchestrion aus Wald-kirch weltberühmt”), Szene in einer Stube (Zwischentitel: “Auf dem Schwarz-waldhof wird dem Gast Schwarzwälder Speck und Kirschwasser angeboten”), einen Hochzeitslader, eine Putzmacherin bei der Arbeit, einen Hochzeitszug (Zwischentitel: “Hochzeit im Glottertal ist ein schönes Schwarzwälder Fest”), Brennen des Kirschwassers mit anschließender Probe, eine Frau beim Wä-schewaschen an der Glotter (Zwischentitel: “,Waschfest’ mit Glotterwasser”), Einschießen des Brotes in einen freistehenden Backofen, Einlagern des Bro-tes, Buttern, Hofkapelle mit Läuten der Glocke und Gebet, Schafe (Zwischen-titel: “Der Abend kommt, das Vieh wird heim getrieben”), Weben und schließ-lich den Hammeltanz in Siensbach (Zwischentitel: “,In Sienschbe isch Ham-meltanz’. Ein uralter Volksbrauch aus dem Elztal”).

Das hier vorgestellte “Schwarzwaldbild” entspricht weitgehend den be-kannten Stereotypen und Klischees über den Schwarzwald. Im Stile des soge-nannten Kulturfilms stellt der Film potpourriartig “schönes Volksleben” vor, wo-bei Menschen in Tracht, aber auch unausgespielte Szenen dominieren. Im Vergleich zu anderen volkskundlichen Filmaufnahmen aus den dreißiger Jahren fällt eine akzeptable Kameraarbeit ins Auge, insbesondere bei der eindrucksvollen Schilderung des “Hammeltanzes”. Ein Achsensprung beim Kommunionszug wirkt etwas nachteilig. Die verhältnismäßig wenig verwen-deten Totalen lassen “Schwarzwaldlandschaft” erkennen, jedoch keine Ort-schaften. Zwischentitel bereiten auf das filmische Geschehen vor, einige da-von eher nichtssagend (“Die Maienblüte gibt dem Hochzeitszug den schönsten Rahmen”). Wenn auch die Retzlaffsche Formulierung im Zwischentitel “,Waschfest’ mit Glotterwasser” die mühsame Handarbeit ‚verharmlost’, seine Aufnahmen vom offenen Waschkessel und am Waschzuber besitzen jedoch Seltenheitswert.

Hans Retzlaff (1902-1965) firmierte in den dreißiger Jahren unter der Bezeichnung “Bildberichterstatter”, lieferte Bildvorlagen für eine 1934 ausge-gebene Trachtenbriefmarkenserie und veröffentlichte mehrere Bildbände, u.a. “Volksleben im Schwarzwald” (1935) und “Arbeitsmaiden am Werk” (1940, 3. Aufl. 1942). Über seine Person wissen wir verhältnismäßig wenig. Retzlaff wurde während der Weltwirtschaftskrise als Bankangestellter arbeitslos und betätigte sich seit 1929 autodidaktisch als Photograph. Beispielsweise er-wähnte ihn “Der Große Herder – Nachschlagewerk für Wissen und Leben” ge-druckt in Freiburg i.Brsg. im Jahre 1934 als “Lichtbildkünstler (vorbildlich für Volkstrachten und -bräuche)”. Zweifellos trug er mit seinen Photographien zur Verherrlichung des ‚deutschen Volkstums’ bei.

Retzlaffs Filmmaterial bildete die Basis für die Idee eines dreißig-minütigen Fernsehfilms. Den Kontakt zum Südwestrundfunk (SWR) vermittelte Hans-Dieter Barth in Baden-Baden. Eine Auseinandersetzung mit der Rolle Retzlaffs im Dritten Reich konnte auf Grund der unzureichenden Informationen kein Thema für den Filmbeitrag sein. Mein Kontakt zu einer Tochter von Retzlaff blieb ergebnislos. In erster Linie sollte der Fernsehfilm den Blickwinkel von Retzlaff aufzeigen und aktualisieren. Auf diese Weise würde das Feature vermitteln, was “hinter seinen Bildern steckt” und welche Klischees Retzlaff bemühte.

 

Recherchen und Stoffentwicklung

Bei Beginn meiner Tätigkeit als Filmautor für den Südwestfunk (SWF) bzw. Südwestrundfunk (SWR) hatte ich bereits eine ganze Reihe von Personen, Artefakten und Orten identifiziert. Schriftwechsel mit den Gemeindever-waltungen Glottertal bzw. Waldkirch und die Sichtung der einschlägigen Literatur trugen hierzu bei. Retzlaff filmte den Lehrer Josef Bitsch (1880-1947) in der Dorfschule in Oberglottertal, die heute als Kindergarten dient. Das von ihm aufgenommene Orchestrion trägt den Namen “Euterpe”, angefertigt um 1900 von den Brüdern Weber in Waldkirch. Es stand seinerzeit im Hotel Adler in Gutach im Breisgau, heute ausgestellt im Elztalmuseum in Waldkirch im Breisgau. Die Putzmacherin ist Theresia Ruth (1882-1966). Sie besaß in Waldkirch in der Lange[n] Straße eine Werkstätte als Trachtenhutmacherin. Die Aufnahmen vom Schnapsbrennen entstanden auf dem Bernethansenhof im Glottertal. Das “Vesperläuten” filmte Retzlaff auf dem Gelände des Wäl-derhansenhofes im Glottertal, die Hofkapelle mit einer Glocke aus dem Jahre 1777 wurde vor etlichen Jahren renoviert.

Weitere Informationen konnte ich dann über persönliche Kontakte gewin-nen. Die auf einer Papierrolle ausgedruckten 26 Standbilder des Retzlaff-Fil-mes erwiesen sich als ideales Medium der Kontaktaufnahme, um Zeitzeugen und weitere historische Schauplätze ausfindig zu machen. Eine Mitarbeiterin der Gemeinde Glottertal vermittelte ein Gespräch mit dem Bürgermeister, ein Mitarbeiter vom Fremdenverkehrsamt den Kontakt zu Bernhard Hoch, Lehrer und ehrenamtlicher Archivar im Glottertal. Dies erwies sich rasch als bedeut-samer Glücksfall, denn Bernhard Hoch stellte weitere wertvolle Kontakte her, und sein profundes Wissen sollte dem Filmvorhaben unmittelbar zugute kom-men.

Eine gemeinsame Sichtung des historischen Filmmaterials bestätigte den Inzensierungscharakter zahlreicher Szenen, beispielsweise den komplett gestellten “Hochzeitszug”. Die Rolle des “Brautpaares” in diesen Inszenierungen spielten Julius und Rosa Strecker nicht nur in dem hier vorgestellten Film. Für den “Täufling” vom Bernethansenhof bediente sich Retzlaff ebenfalls der Inszenierung. Der Hofbauer hätte den Täufling niemals zu Fuß bis zur Kir-che getragen, sondern wäre dort mit der “Chaise”, einem Pferdewagen, vorgefahren. Frauen in Sonntagstracht [!] verrichteten keinesfalls alltägliche Arbeiten wie Buttern oder Broteinlagern wie bei Retzlaff gezeigt. Die Mädchen wären niemals in Sonntagstracht zum Unterricht in der Schule erschienen. Auch die Besucherin eines Bauernhofes (Zwischentitel “Auf dem Schwarzwaldhof wird dem Gast Schwarzwälder Speck und Kirschwasser angeboten”) hätte am Tisch bei der Bewirtung niemals das Brot selbst abgeschnitten, denn dies gehörte stets zur Domäne der gastgebenden Familie. Das Schnapsbrennen filmte Retzlaff auf dem Bernethansenhof im Glottertal, das Füttern der Schweine auf dem Wuspenhof in Ohrensbach und das Brotbacken auf dem Mattenhof in Ohrensbach. Das Backhäuschen wurde längst abgerissen.

 

Gespräche mit Zeitzeugen

Ein interessantes Gespräch ergab sich mit einer Zeitzeugin, die in den dreißiger Jahren bei Oberlehrer Bitsch die Schule besuchte. Sie malte das Bild eines “strengen, aber gerechten und verantwortungsvollen” Lehrers und wußte von seinen Schwierigkeiten mit der örtlichen NS-Parteiführung zu berichten, weil er als Organist in der Kirche spielte. Mit bewegter Stimme schilderte sie mir, wie ihr Lehrer sie auf dessen eigene Kosten zum Zahnarzt schickte und ihre Eltern später diesen Betrag nach und nach abstotterten. Zu einem Inter-view vor laufender Kamera erklärte sie sich leider nicht bereit.

Noch ein interessantes Gespräch konnte ich mit einer weiteren Zeit-zeugin führen. Sie sang in den dreißiger Jahren gemeinsam mit zwei anderen jungen Frauen in Tracht als “Glöttertäler Nachtigallen” dreistimmig. Joseph Bitsch betreute und förderte dieses Gesangstrio. Ein beachtliches Repertoire von 52 Volks- und Heimatliedern sorgte für Abwechslung bei ihren Auftritten. Die sentimentalen Heimatlieder dienten nicht zuletzt der Werbung für das Glot-tertal. In Südbaden und im Elsaß schätzte man dieses Trio, das in der benach-barten Schweiz, in Berlin und in Hamburg gastierte. Ernst Rossmy, der Direk-tor des Glotterbades, organisierte im Auftrag des deutschen Fremdenver-kehrsverbandes die Auftritte der “Glottertäler Nachtigallen”, die gemeinsam mit der Glottertäler Trachtenkapelle und Trachtengruppe auch im Ausland auftra-ten.

Reisen führten u.a. nach London, Birmingham, Manchester, Monte Carlo und Nizza. Im Zuge dieser Werbemaßnahmen avancierte das Glotterbad in den dreißiger Jahren zum beliebten Aufenthaltsort zunächst der Bremer, dann der (industriellen) Oberschicht aus ganz Deutschland, bedient von “den stau-nenden Schwarzwaldmädchen, die oft für einen Hungerlohn als Saaltöchter in ihrer schmucken Tracht die große Gesellschaft umhegten.” Am 6. Februar 1936 empfing Adolf Hitler die drei “Nachtigallen” in der Reichskanzlei. Meine Gesprächspartnerin, die sich trotz nachdrücklicher Bitten von Hans-Dieter Barth zu einem Interview vor der Kamera ebenfalls nicht bereit fand, zeigte mir die Photographien aus diesen Jahren mit einer Mischung aus Verlegenheit und Stolz. Ihre Absage empfand ich um so bedauerlicher, als gerade sie die große – vor allem wirtschaftliche – Bedeutung des Tourismus für das Glottertal außerordentlich anschaulich hätte vermitteln können.

Mathilde Blattmann und Marie-Theres Reichenbach gaben Interview-Zusagen zum Thema “Tracht” und – kurzfristig während der Dreharbeiten – Elisabeth Hoch zum Thema “Waschtag”. Für das ‚professionelle’ Läuten der Kapellenglocke stand ein kundiger Partner zur Verfügung. Intensive Recher-chen im Glottertal und in benachbarten Tälern bzw. Orten schufen die Basis für ein Drehbuch mit Angaben zu Personen, Orten und Motiven. Während einer Besichtigung der Drehorte mit Hans-Dieter Barth entwickelten wir die dramaturgischen Überlegungen gemeinsam weiter.

Vergangenheit und Ge-genwart, schwarz-weiße und Farbaufnahmen sollten als Leitlinie des Films im Wechsel stehen, wobei jedoch nicht an eine klassische Kontrastmontage gedacht war. Der Retzlaff-Film sollte nicht in allen Sequenzen “neu gedreht” werden, denn dies hätte den Eindruck einer parallelisierenden Montage her-vorgerufen. Vielmehr sollte der Film zunächst von der Retzlaffschen Idylle ausgehen, um dann das Arbeitsleben in den Blickpunkt zu stellen, insbe-sondere die moderne Holzverarbeitung mit Sägegatter, und über die Unter-haltungsmusik weiterleiten zum Orchestrion aus Waldkirch. Der Hammeltanz [neu vertont mit Siegelauer Tanzmusik] gegen Ende des Films würde den Bo-gen zum Filmanfang schlagen. Der kritische Kommentar zu den historischen Filmaufnahmen würde darüberhinaus Aspekte der Werbung und des Frem-denverkehrs betonen. Deshalb favorisierten wir Filmtitel wie etwa “Glottertal – ein geschöntes Paradies”, “Werberummel ums Glottertal”, “Glottertäler Werbe-strategie” oder “Das Glottertal – Fund und Erfindung”.

Die Wahl der SWR-Redaktion fiel schließlich auf den eher neutralen Filmtitel “Vom Wandel des Schwarzwaldbildes”, der vermutlich ein größeres Publikum angesprochen bzw. erreicht haben dürfte. Die Drehzeit im Frühjahr 1999 dauerte knapp fünf Tage, vom Vormittag des Weißen Sonntags bis Donnerstagnachmittag.

 

SWR-Sendereihe “Landesschau unterwegs”
Vom Wandel des Schwarzwaldbildes. Auf den Spuren von Hans Retzlaff

Länge: 28 Min. 30 Sek
Buch: Walter Dehnert
Regie: Hans-Dieter Barth
Kamera: Claus Baudisch
Schnitt: Monika Zeindler-Efler
Ton: Christian Zecha
Tonmischung: Wolfgang Ort
Sprecher: Karl-Rudolf Menke
Produktion: Sebastian Rau
Redaktion: Frank Haase, Felicitas Wehnert
Mit Dank an Bernhard Hoch, Glottertal
Sendung im SWR-Fernsehprogramm (BW) am 12. Juni 1999
Reihe “Landesschau unterwegs”

Der Film gliedert sich in sieben Sequenzen: Einführung (45 Sek.), Religion / Frömmigkeit (4 Min. 42 Sek.), Trachten / Schwarzwaldklischees (7 Min. 18 Sek.), Arbeit / Land- und Holzwirtschaft (7 Min. 17 Sek.), Orchestrion (4 Min. 18 Sek.), Hammeltanz (2 Min. 2 Sek.), Ausklang mit Abspann (2 Min. 42 Sek.). Die erste und letzte Einstellung des Films zeigt eine Panorama-Ansicht des Glottertals und schafft damit einen eindrucksvollen Rahmen.

Der Kommentar zur Sequenz I des Films lautet: “1935 drehte Hans Retzlaff einen 20minütigen schwarz-weiß Film über den Schwarzwald. Der Film zeigt Feste und Bräuche, auch das alltägliche Leben. Aber einige Szenen hat er arrangiert. Diese kleine Prozession [Gang einer Familie mit Täufling] ist extra für die Filmaufnahmen bestellt worden. Das Steppkissen ist leer, es ist keine echte Taufe. – Retzlaff hat seinen Schwarzwaldfilm vor allem im Glot-tertal gedreht. Es ist die Sichtweise eines Großstädters aus Berlin auf eine scheinbar idyllische Welt. Wir sind den Spuren von Hans Retzlaff nachge-gangen. Zeichnete er ein ‚geschöntes’ Bild? Und: Gibt es aktuelle Bezüge zur Gegenwart?” Dieser Fragestellung wird der Film nun konsequent nachgehen.

Der Kommentar weist bereits in Sequenz II darauf hin, daß auch Trach-ten einem modischen Wandel unterliegen und nennt den örtlichen Pfarrer als Intitiativperson zu Erhaltung der Trachten im Glottertal in den sechziger Jahren. In Sequenz III heißt es: “Dieser Hochzeitszug ist komplett inszeniert und arrangiert. Dies gilt auch für die angeblichen Besucherinnen aus dem Markgräflerland und die Frauen aus dem Gutachtal mit ihren Bollenhüten. Die roten Bollenhüte sind zum Klischee geworden und werben für den Schwarz-wald im In- und Ausland. Retzlaff griff dieses Klischee auf, das bereits um 1900 fest verankert war. Er war mit dem Glotterbaddirektor Ernst Rossmy be-freundet, dem der Fremdenverkehr am Herzen lag und für den die Werbung wichtig war. Auch vor diesem ökonomischen Hintergrund sind die Filmauf-nahmen zu sehen.” Weiter heißt es: “Die Aufnahmen in der Schule sind ge-schönt. Die Kinder tragen ihre Sonntagstracht im Unterricht. Im Gegensatz zu Retzlaffs Filmbildern trugen Kinder auch nie einen Schnapphut. [...] Die Rollen-kränze waren so kostbar, daß die Mädchen nie mit ihnen getanzt hätten. Diese Arbeits- und Alltagstrachten [beim Wäschewaschen und Brotbacken] vermit-teln dagegen ein realistisches Bild. In Sonntagstracht hätte man [allerdings] nie gearbeitet und etwa Brote eingelagert oder gebuttert – hier wird Retzlaffs groß-städtischer Blickwinkel abermals deutlich.” Ihm kam es allein auf die Bildwirk-samkeit an.

Sequenz IV thematisiert die Arbeit in einem modernen Sägewerk im Glottertal: “Doch vom wahren Reichtum des Schwarzwaldes wird weder von Retzlaff noch von modernen Werbeunternehmen gesprochen: vom Holz. Holz-einschlag, -transport und -verarbeitung sind mit Lärm und Dreck verbunden. Das lockt keine Touristen. Der hohe Grad der Automation zeugt von intensiver Rationalisierung auch in diesem Bereich.” Nach dem Orchestrion (Sequenz V) und den Aufnahmen des Hammeltanzes (Sequenz VI) beschließt der folgende Kommentar in Sequenz VII den Film: “Das Glottertal ist seit 1985 vor allem bekannt durch die Fernsehserie ‚Schwarzwaldklinik’. Sie ist ein weltweiter Ex-portschlager und vermittelt vor allem in den USA ein touristisch geprägtes Schwarzwaldbild. Damit steht diese Produktion in einer Reihe mit dem er-folgreichen Heimatfilm ‚Schwarzwaldmädel’ aus der Nachkriegszeit – mit allen Klischees, die man über den Schwarzwald kennt…

So sehr sich auch das Schwarzwaldbild, hier am Beispiel des Glottertals, verändert haben mag, eines ist damals wie heute geblieben: die Landschaft – trotz Siedlungsverdichtung und Straßenbau. Mit dem Tourismus wird die Land-schaft erschlossen. Gleichwohl gibt es im Glottertal, und nicht nur dort, Orte der Stille und Behaglichkeit, die den Blick schweifen und uns ahnen lassen, was die Menschen am Schwarzwald immer wieder fasziniert hat.”

 

Resümee

Retzlaff idealisierte das Glottertal in seinen Filmaufnahmen zweifellos. Welche Ergebnisse mit zeitaufwendigen Recherchen selbst nach so langer Zeit zu erzielen sind, davon kann der Film zumindest teilweise berichten. Nicht jede von Retzlaff ‚geschönte’ Einstellung konnte eigens kommentiert werden, denn dies hätte eine Überfrachtung des Textes zur Folge gehabt. Die Verwendung historischen Bildmaterials für einen Fernsehfilm erfordert Kompromisse, die aus fachlich-volkskundlicher Sicht nicht immer leicht fallen. Der Hinweis “Vor-sicht, Klischee-Bild” stößt wohl öfter auf taube Ohren der Zuschauer, denn in der Vorstellung vieler Menschen ist der Schwarzwald gleichsam das Paradies.

 

Literatur

Bock, Hans-Michael / Jacobsen, Wolfgang (Hrsg.): Recherche: Film. Quellen und Methoden der Filmforschung. München 1997.

Dehnert, Walter / Speeter-Blaudszun, Sonja: Ethnographischer Film. In: Tho-mas Koebner (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films. Stuttgart 2002, S. 149-151.

Hägele, Ulrich / König, Gudrun M. (Hrsg.): Völkische Posen, volkskundliche Dokumente. Hans Retzlaffs Fotografien 1930 bis 1945. Marburg 1999.

Hoch, Bernhard u.a.: Das Glottertal. Geschichte und Erinnerungen. Glottertal 1995.

Rabiger, Michael: Dokumentarfilme drehen. Frankfurt am Main 2000.

Retzlaff, Hans / Fladt, Wilhelm: Volksleben im Schwarzwald (= Bilderwerke zur deutschen Volkskunde). Berlin / Leipzig o. J. [1935].

Wittmann, Robert: “Vom Wandel des Schwarzwaldbildes – Auf den Spuren von Hans Retzlaff” (SWR 1999). Eine Besprechung mit dem Filmautor Walter Dehnert. In: Augsburger Volkskundliche Nachrichten Nr. 14 vom Dezember 2001, S. 87-101.

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Der Beitrag ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 17/1 2002, Seite 135-142, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.