Rezension: Alles unter einem Dach?

Ausgabe 16/2 2001

Alles unter einem Dach?
Die Hauslandschaft in der deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzregion. Hauskundliches Symposium im Freilichtmuseum Roscheider Hof in Konz am 20. Mai 2000.
Konz 2000.

Tout sous le même toit?
L´architecture rurale de la région frontalière France/ Allemagne/ Luxembourg. Symposium sur la maison rurale au Freilichtmuseum Roscheider Hof à Konz, le 20 mai 2000.
Konz 2000.

Rezension von Wolfgang Fritzsche

Das kleine, aber feine rheinland-pfälzische Freilichtmuseum “Roscheider Hof” liegt in Konz, nur wenige Kilometer von Trier entfernt. Anläßlich der Einweihung eines Gebäudes in der Gruppe Hunsrück fand ein Symposium zur Hauslandschaft der deutsch-französisch- luxemburgischen Grenzregion statt. Der entsprechende Tagungsband, den es hier zu besprechen gilt, wurde noch im gleichen Jahr vorgelegt. Insgesamt sechs Referenten trugen die Ergebnisse ihrer Forschungen vor.

Im ersten Beitrag schreibt Werner Habicht über “Die Bauernhauslandschaft beiderseits der lothringisch-saarländischen Grenze” (S. 5-21). Dabei stellt er die beiden Bauernhaustypen einander gegenüber: das “südwestdeutsche Einhaus”, dessen Verbreitung er östlich der Saar verortet, und das “lothringische Bauernhaus”, das im wesentlichen westlich der Saar vorkommt. Nach einer Einleitung und der Gegenüberstellung exemplarisch ausgewählter Grundriße kommt er zu dem Schluss, daß beide Formen “das Ergebnis einer Entwicklung in der frühen Neuzeit, vorzugsweise des 17. Jahrh.” (S. 17) sind, deren Vorgänger, das regellose Gehöft mit einer Vielzahl vereinzelt stehender Wohn- und Wirtschaftsgebäude, heute kaum noch anzutreffen sind.

Erfreulich ist, daß er den Grund in dieser Entwicklung, die im 16. und 17. Jahrhundert begann, nicht in einer ominösen Bautradition sieht, sondern sie dem “Einfluß der landesherrlichen Gesetzgebung” zuschreibt. Beide Hausformen, sowohl das lothringische, als auch das südwestdeutsche Bauernhaus, sind dabei Zwischenstadien einer Entwicklung, die sich, abhängig von der wirtschaftlichen Potenz und steigenden Ansprüche der Bewohner an die Wohnverhältnisse, im 19. Jahrhundert weiterentwickeln in modifizierte regellose Gehöfte.

Mit seinem Vortrag “Die ländliche Architektur des nördlichen Moseldepartements” gab Jacques Guillaume einen Überblick über die inhomogene Landschaft des Moseldepartements (S. 22-39). Grundlage dieses Überblickes sind Untersuchungen, die die Regionaldienststelle Lothringen des “Inventaire général des Monuments et richesses artistiques de la France”, durchgeführt hat. Dabei wurden bestimmte Kantone seit 1969 systematisch katalogisiert, untersucht und der Öffentlichkeit präsentiert. Ziel der Untersuchung ist es, “das Erbe der französischen Bau- und Tischlerkunst zu bewahren und zu dokumentieren” (S. 22).

Eingebettet in einen geographischen und historischen Rahmen der Region, werden die Verbreitung der ländlichen Bausubstanz, unterschiedliche örtliche Baumaterialien, eine Typologie der ländlichen Bebauung, die Hauptfassaden, Steinmetzbetriebe sowie Grundriß und Raumaufteilung vorgestellt. Allerdings, so schränkt Guillaume ein, seien die dargestellten Formen das Ergebnis des Ist-Zustandes, der auf “einem recht jungen, teilweise verfälschten Korpus aufbaut”, weil die wesentlichen Erhebungen erst zwischen 1980 und 1989 durchgeführt wurden (S. 36). Tatsächlich scheinen Belege aus der Zeit vor den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts im wesentlichen zu fehlen, zahlreicher seien Gebäude aus der zweiten Hälfte des gleichen Jahrhunderts, noch “wesentlich häufiger sind Häuser aus dem 19. Jahrhundert anzutreffen” (S. 25).

Nicht nur angesichts der zeitlich eingegrenzten Basis stellt sich dem Rezensenten die Frage, wohin die angestrebte Typologie und scharf umrissenen Grenzen “zwischen den beiden Architekurformen” (S. 37) führen sollen. Viel spannender könnte die Beantwortung der Frage sein, warum mitten im “lothringischen Milieu, in Villing im Kanton Bouzonville, ein Haus aus dem Jahre 1716 mit Steildach” (S. 36) steht (das dort wohl eigentlich nicht hingehört), auch wenn aufgrund fehlender Daten die Beantwortung letztlich offensichtlich leider ausbleiben muß. Es bleibt der 1964 auf Initiative von André Malraux gegründeten Dienststelle des Kultusministeriums zu wünschen, daß sie ihre Datenbasis weiter verdichten und schließlich doch noch die eine oder andere Frage beantworten kann. Der deutschen Hausforschung bleibt zu wünschen, daß sie jemals in die Lage versetzt wird, eine solche Untersuchung, die offensichtlich weit über Denkmaltopographien hinausgeht, überhaupt durch-zuführen.

Georges Calteux, langjähriger Leiter des “Service des Sîtes et Monuments Nationaux, Luxembourg”, dem luxemburgischen Amt für Denkmalpflege, und profunder Kenner seines “Beritts”, betrachtete “Das Luxemburger Bauernhaus in Raum und Zeit” (S. 40-51). Naturgemäß muß dieses umfassende Thema, das der Autor in dem dreibändigen Werk “Das Luxemburger Bauernhaus” (Originaltitel: “D’ Lëtzebuerger Bauerenhaus”) auf 700 Seiten behandelt, in einem Tagungsband stark verkürzt wiedergegeben werden, so sind dem Hirtenhaus gerade einmal sieben Zeilen gewidmet (S. 48f). Die Darstellung bietet einen knappen Überblick über den erhaltenen Baubestand Luxemburgs und seiner Entwicklung, von dem Calteux selbst schreibt, er sei “ziemlich homogen” und eine Synthese der Bauformen benachbarter Landschaften (S. 44).

Jean-Luc Mousset widmete sich “Parallelen im Wohnbereich: Beispiele aus Stadt und Land Luxemburg im 17. und 18. Jahrhundert” (S. 52-55). Mousset arbeitet im Musée National d´Histoire, Luxembourg, und ist dort mit der Abteilung “Vie luxembourgeoise” befaßt. Die Exponate dieser Abteilung befinden sich “in alten, und ausnahmsweise gut erhaltenen Adels- und Bürgerhäusern der Stadt Luxemburg” (S. 52). Folglich wurde die Bausubstanz zu einem wesentlichen Bestandteil des Museums und damit den verschiedenen Sammlungen gleichgestellt – ein nicht nur in hauskundlicher Hinsicht interessanter Ansatz.

Anhand vergleichender Studien konnte Mousset nachweisen, daß sich Elemente des städtischen Bauens auch auf dem Land wiederfinden. Dabei stellte er drei wesentliche Merkmale fest: Das sogenannte “Doppelhaus”, ein Wohnhaus mit vierräumigem Grundriß und durchgehendem mittleren Hausgang, das in der Stadt (Wiltheimstraße 10) aus dem Jahr 1655 erhalten ist, auf dem Land seit dem 18. Jahrhundert vor allem bei wohlhabenden Bauern zu finden war (S. 52). Das zweite gemeinsame Merkmal sind monumentale Küchenkamine, die von einer oder mehreren Säulen im toskanischen Stil getragen werden, das dritte stellen Takenanlagen dar, die auf dem Land als Takenschränke “noch in größerer Zahl anzutreffen sind”, während sie in der Stadt weitgehend verschwanden.

Zusammenfassend kommt der Autor zu dem Ergebnis: “An Hand der angesprochenen Themenkreise ist festzustellen, daß gleiche Lösungen für den Wohnbereich angewendet wurden, unabhängig davon, ob die Häuser in der Stadt oder auf dem Land gebaut wurden. Inwieweit es bei den Entwicklungen zu zeitlichen Verschiebungen kam, müssen weitere Nachforschungen ergeben” (S. 54). Diese weiteren Nachforschungen dürfen mit Spannung erwartet werden.

Michael Berens Vortrag “Bauernhäuser und Stockgüter. Dorf und Haus in der Westeifel – eine Übersicht” (S. 56-64) befasst sich im wesentlichen mit dem Landkreis Bitburg-Prüm. Er konstatiert das “Trierer Einhaus” als den klassischen Haustyp der Region, neben dem Winkelhof und Dreiseithof existieren, wobei er den Winkelhof als “im Grunde nichts anderes als ein[en] Streckhof mit rechtwinkelig angesetztem Wirtschaftsteil” (S. 59) bezeichnet. Der ebenfalls vorkommende “Stockhof” sei kein Haustyp im eigentlichen Sinne des Worts, sondern eine Besonderheit hinsichtlich Erblage und Geschichte. Über die Darstellung von Backhäusern und Schmieden kommt er schließlich zur Farbigkeit der Innenräume. Hierbei bemerkt er: “Nach den in den letzten 15 Jahren gemachten Erfahrungen, [...] müssen wir uns endgültig verabschieden von der Vorstellung, Bauernhäuser besäßen meist kalkweiße Innenräume” (S. 63).

Als sechster Vortrag wurde derjenige von Ewald Wegner “Hausformen im Kreis Trier-Saarburg. Ein Überblick” (S. 65-74) abgedruckt. Wegner stellt nach der Aufzählung einiger Beispiele fest, daß anhand des vorhandenen Baubestandes das Quereinhaus vor 1700 nicht zu belegen ist. Auch der Baubestand des frühen 18. Jahrhunderts ist – strenggenommen – kein Quereinhaus, sondern ein Streckhof. Neben weit verbreiteten Neu- und Umbauten ist die ehemals größere Gruppe historischer landwirtschaftlicher Gebäude die der giebelerschlossenen Einhäuser, die im ganzen Landkreis nachzuweisen sind. Wegners Betroffenheit über den Umgang mit dieser historischen Bausubstanz schlägt sich unglücklicherweise auch in seiner Wortwahl nieder, wenn er beispielsweise anmerkt, “Auf dem Boden von Ignoranz lassen sich keine Werte vermitteln” (S. 65), er über “die Geistesbeschaffenheit, die allenfalls von Restbeständen erworbener Pietät in den Gleisen gehalten wird” (S. 65) räsonniert oder von “metzgermäßig brutalen Aufbrüchen” (S. 68) spricht.

Der vorliegende Tagungsband stellt die “Hauslandschaft” der Region SaarLorLuxMosel in sechs Einzelbeiträgen vor. Wenn hier der Begriff “Hauslandschaft” in Anführungszeichen gesetzt wird, so deshalb, weil er suggeriert, daß – ähnlich wie “Moorlandschaften” oder “Mittelgebirgslandschaften” – diese Haustypen landschaftsbestimmend sind. Daß dies aber nicht der Fall ist, belegt eindrucksvoll Jacques Guillaume, wenn er über die Veränderungen an der ländlichen Bausubstanz schreibt: “Die ländliche Bausubstanz in der Grenzregion ist [...] durch den zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen worden [...], mangelnde Sensibilität gegenüber dem kulturellen Erbe und ein starker Drang zu Modernisierungen” (S. 25) standen einer angemessenen Restaurierung jedoch entgegen. An anderer Stelle heißt es: “Der zweite Grund, warum die ländliche Bausubstanz [...] verfälscht wurde, ist die Industrialisierung dieses Gebietes, wodurch die Dörfer zu reinen Schlafstätten wurden. [...] Noch heute gibt es Fassaden-’Modernisierungen’ im falsch verstanden Sinne (aggressive Mehrfarbigkeit, Verfliesung) und typisch städtische Formen des Straßenausbaus wie mehrfarbige Pflasterung, Blumenkübel, Straßenlaternen usw., die der ländlichen Umgebung nicht angepaßt sind.” (S. 26) Dies zeigt, daß von einer “Hauslandschaft” keinesfalls mehr gesprochen werden kann, wenn man es denn überhaupt je konnte.

Bei den vorgestellten Haustypen handelt es sich zum überwiegenden Teil um Einhäuser, also Gebäude, die Wohn- und Wirtschaftsteil(e) unter einem Dach vereinen. Auffallend ist die Vielfalt, in der diese Einhäuser variieren können. Wegner spricht vom “Quereinhaus”, das sich “ungemein biegsam den Anforderungen und dem Platzbedarf anpassen” (S. 66) konnte. Daneben gibt es das “giebelerschlossene Einhaus”, das “tiefgegliederte Quereinhaus” und das “dreiraumtiefe Quereinhaus”, Calteux weist auf das “Öslinger Hochscheunenhaus” ebenso hin wie auf das “Luxemburgische Quereinhaus”, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Tagungsband ist im Selbstverlag des Museums in Konz erschienen und wendet sich sowohl an Laien als auch an das Fachpublikum. Er gibt dem interessierten Leser einen guten Überblick und eine große Zahl von Hinweisen auf den historischen Baubestand der Region. Die Beiträge werden zumeist ergänzt durch weiterführende Literaturangaben und – besonders verdienstvoll – eine große Zahl, zum Teil farbig gedruckter Abbildungen, Pläne, Karten und Zeichnungen.

Ebenfalls hervorzuheben ist, daß der Band zweisprachig auf deutsch und französisch erschienen ist. Er ist über das Museum (Volkskunde- und Freilichtmuseum Roscheider Hof e.V., 54329 Konz, Tel.: 06501-92710, Fax: 06501-927111), per Internet (http://www.roscheiderhof.de), und den Buchhandel zu beziehen und kostet 19,00 DM, ein Preis, der die Entscheidung zur Anschaffung leicht macht.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2 2001, Seite 93-97, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.