Rezension: Verpflanzt, aber nicht entwurzelt.

Ausgabe 15/2 2000

Schmahl, Helmut:
Verpflanzt, aber nicht entwurzelt.
Die Auswanderung aus Hessen-Darmstadt (Provinz Rheinhessen) nach Wisconsin im 19. Jahrhundert.
Frankfurt a. M. u.a. 2000. 448 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und einer Faltkarte.
(Mainzer Studien zur Neueren Geschichte, 1)
ISBN 3-631-34952-1

Rezension von Thomas Schneider

Die Fülle der Publikationen zur deutschen Nordamerika-Auswanderung im 19. Jahrhundert ist beachtlich, und eine Studie zu diesem Thema, die dem Anspruch genügen will, neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern, bedarf sowohl der methodischen, wissenschaftlichen Akribie als auch ebenso sehr der kreativen Gedanken und Herangehensweise. Beides muß dem Verfasser des vorliegenden Bandes uneingeschränkt konzediert werden. H. Schmahl greift dabei den Forderungskatalog zur historischen Migrationsforschung auf, welchen der US-amerikanische Historiker F. Thistlethwaite im Jahr 1960 aufgestellt hatte.

Die Kernpunkte dieser international beachteten Thesen bildeten die Forderungen, regional begrenzte Studien zur Auswanderung und zu den Zielgebieten der Migranten zu erstellen. Migration sollte unter einer transatlantischen Perspektive beleuchten werden, die nicht nur Aus- oder Einwanderung untersucht, sondern den Wanderungsprozeß als eine zusammengehörige Sequenz von Erfahrungen betrachtet und den Migranten selbst in den Mittelpunkt der Untersuchungen stellt. Vor allem der letzte Aspekt war von der deutschen Migrationsforschung in der Vergangenheit nur wenig aufgegriffen worden, für die vorliegende Studie bildet diese These den Ansatzpunkt.

Am regional begrenzten Beispiel der hessen-darmstädtischen Provinz Rheinhessen untersucht der Verf. das Phänomen der transatlantischen Kettenwanderung, deren Bedeutung für den individuellen Auswanderungsentschluß sowie die Prozesse der Ansiedlung und Akkulturation am Wanderungsziel, dem US-amerikanischen Staat Wisconsin, der wie kaum ein anderer US-Staat von deutschen Einwanderern geprägt wurde. Die beiden unterschiedlichen geographischen Räume (Rheinhessen und Wisconsin) bedingen zwei Hauptteile der Studie, die in insgesamt acht Kapitel unterteilt sind.

In den Kapiteln zwei bis vier widmet sich der Verf. den sog. “Push-Faktoren”, also jenen politischen, wirtschaftlichen und demographischen Entwicklungen in Rheinhessen, die für den Entschluß der Migranten zur Auswanderung von Bedeutung waren. Die Haltung des Staates zur Auswanderung, Umfang und Verlauf der Migrationen, die unterschiedlichen Ziele rheinhessischer Fernwanderungen zwischen 1832 und 1870 werden in diesem Teil der Arbeit behandelt. Ebenso findet sich in diesem Abschnitt eine auf die Methoden K. J. Bades gestützte Analyse der Auswanderungsstruktur (Alter, Geschlecht, Familienstand, Beruf), die durch die datentechnische Auswertung quantitativer Quellen gewonnen wird.

In den Kapiteln fünf bis acht werden die transatlantischen Aspekte der Migrationsbewegungen untersucht: die bevorzugten Siedlungsräume in den USA, die hessische Bevölkerung Wisconsins, die Ursachen regionaler Konzentrationen rheinhessischer Immigranten sowie mögliche Stimulatoren der Kettenwanderung. Mittels lokaler Beispiele aus den Counties Washington und Sheboygan wird der Ansiedlungsprozeß im Zielland beschrieben, wobei immer wieder Vergleiche mit Einwanderergruppen aus anderen deutschen Staaten sowie mit Angehörigen anderer ethnischer Gruppen in die Darstellung einbezogen werden.

Das umfangreiche siebte Kapitel thematisiert den Akkulturationsprozeß der rheinhessischen Migranten in Wisconsin. Angefangen bei den Bildern und den ihnen zugrundeliegenden Stereotypen, welche die deutschsprachigen Einwanderer von ihren anderssprachigen Nachbarn pflegten, werden das Zusammenleben und die Berufsstrukturen der einzelnen ethnischen Gruppen beschrieben sowie die soziale Schichtung der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten und die berufliche Eingliederung rheinhessischer Einwanderer in die städtische Bevölkerung analysiert.

In differenzierter Weise geht der Verf. den Fragen nach, inwieweit sich feststellbare Disparitäten in Laufe der Zeit entwickelten und welcher Grad der “strukturellen Assimilation” (M. Gordon) hinsichtlich der Wahl der Ehepartner, der politischen Partizipation etc. erreicht wurde. Das achte Kapitel schließlich untersucht die Akkulturation der rheinhessischen Immigranten auf religiösem Gebiet.

Abschließend muß noch angemerkt werden, daß der vorliegende Band gleich in verschiedener Hinsicht besticht. Als erstes ist hier die mehr als beachtliche Materialfülle zu nennen, die der Autor vor seinen Lesern ausbreitet und die seine Virtuosität im Umgang mit Quellen bestens unter Beweis stellt. Hinzu kommt eine klare und jederzeit nachvollziehbare Gliederung des Stoffes. Auch die Entscheidung, die zahlreichen und sehr interessanten Tabellen nicht in die Darstellung selbst aufzunehmen und statt dessen im Anhang zu präsentieren, erweist sich als richtig und kommt der Lesbarkeit der Studie sehr zugute. Und schließlich ist anzumerken, daß die Lektüre dieses wissenschaftlichen Werkes dank des stilistischen Niveaus und der klaren Diktion seines Verfassers durchweg Vergnügen bereitet und an vielen Stellen geradezu fesselt.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2 2000, Seite 65-66, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.