Rezension: Das Oberwesterwälder Chorwesen

Ausgabe 16/2 2001

Elke Wittelsberger:
In Freud und Leid zum Lied bereit?
Das Oberwesterwälder Chorwesen im Wandel der Zeit.
Dissertation
Mainz 2001, 337 Seiten mit 38 Abbildungen und Graphiken

Rezension von Elke Schwedt

“Gesangvereine – ohne Zukunft?” war in provokanter Weise eine Studie von Alexander Troge überschrieben, die 1988 erschien. Vielleicht war es eben das Bewußtwerden des Problems, welches dazu führte, daß in der Folgezeit eine Reihe von Arbeiten zum Laienmusizieren erschien, darunter die 1999 in Mainz abgeschlossene Dissertation von Elke Wittelsberger über das Oberwesterwälder Chorwesen. Der Titel deutet an, daß hier ein größeres Gebiet untersucht wurde, daß es u.a. ein “Beitrag zur Vereinstopographie, speziell des Chorwesens, einer ländlichen Region” (S. 10) ist. Das ist besonders verdienstvoll, da ein solcher Ansatz oft gefordert, selten aber durchgeführt wurde; schon 1910 hatte Max Weber ein Kataster der Vereine gefordert.

Elke Wittelsberger stützt sich in ihrer Arbeit auf eine umfangreiche Literatur- und Dokumentenanalyse, auf mündliche Interviews und teilnehmende Beobachtung, vor allem aber auf eine schriftliche Umfrage. Verschickt wurden 170 Fragebogen, der Rücklauf war mit 84 % sehr hoch. Das ist ein Beweis dafür, daß diese – oft gescholtene – Forschungstechnik erfolgreich angewendet werden kann, wenn interessierte und motivierte Adressaten auf die richtige Weise angeschrieben werden.

In sehr präziser Weise stellt die Autorin ihre Ergebnisse in mehreren großen Kapiteln dar. Neben einem Überblick über die Literatur und Hinweisen zur Zielsetzung und dem methodischen Vorgehen gibt sie eine knappe Darstellung der allgemeinen Geschichte des Laienchorwesens im 19. Jahrhundert (hier sei ein Hinweis auf die zahlreichen sehr frühen rheinischen “Singvereine” erlaubt). Es folgt nach der Vorstellung des Untersuchungsgebietes die Geschichte und Ausbreitung des Chorwesens im Oberwesterwald, wobei verdienstvollerweise nicht nur die weltlichen Männer- und Gemischten Chöre behandelt werden, sondern auch die Kirchenchöre sowie die Frauen- und Kinderchöre; schöne Karten und Graphiken verdeutlichen die Entwicklung. Als die Diffusion vor allem prägende Faktoren stellt die Verfasserin die Konfession und die Ortsgrößen heraus. Dabei betont sie, daß ihr Untersuchungsgebiet keineswegs zu den Novationsregionen von Rheinland-Pfalz gehört – wie etwa Rheinhessen oder die Vorderpfalz.

Besonders spannend sind die Ausführungen über das Chorwesen in der NS-Zeit. Dieses Thema wird auch in den folgenden Kapiteln aufgearbeitet, die den Chorverbänden, den Mitgliedern, den Organisationsstrukturen, der Vereinssymbolik, dem Liedgut, der Chorleitung, den Aktivitäten und Veranstaltungen, schließlich den Vereinsbeziehungen gelten. Obwohl hier auf den facettenreichen Inhalt nicht näher eingegangen werden kann, sollen wenige Bemerkungen doch der Vereinnahmung der laienmusikalischen Organisationen durch die Nationalsozialisten gelten, deren Eingriffe Elke Wittelsberger als “rigoros” (S. 113) bezeichnet. Wie auch andere Untersuchungen der jüngeren Zeit gezeigt haben, beugten sich auch im Oberwesterwald zahlreiche Gesangvereine der Gleichschaltung durch die Partei, nur wenige lösten sich aus Protest auf oder existierten als “Schwarzvereine” (S. 53) weiter.

Singen in der NS-Zeit bedeutete nicht nur Führerprinzip und Arierparagraph – so weist Elke Wittelsberger nach – es hieß auch, Massenchöre einzuüben und das Liederbuch “Aufrecht Fähnlein” zu erwerben. Doch das sind nur Beispiele. Vielleicht bieten sie Anreize, diese interessante Arbeit selbst zu lesen, die gründlich in der Analyse, präzise in der Darstellung ist. Darüber hinaus ist sich die Autorin der Probleme des Laienmusizierens in unserer Zeit bewußt. So gelten am Ende der Arbeit konkrete Empfehlungen vor allem den Männerchören und ihren Nachwuchsproblemen; immerhin sind hier 63% der Mitglieder älter als 50 Jahre.
Es ist zu wünschen, daß Elke Wittelsbergers Dissertation nicht nur in der Wissenschaft Beachtung findet, sondern auch bei den Musizierenden selbst.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2 2001, Seite 88-90, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.