Rezension: Karneval in Aachen, Düsseldorf und Köln

Ausgabe 16/2 2001

Frohn, Christina:
Der organisierte Narr.
Karneval in Aachen, Düsseldorf und Köln 1823 bis 1914.
Dissertation
Marburg 2000, 376 Seiten mit 130 Abbildungen
(Veröffentlichungen des Landschaftsverbandes Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde Bonn)
ISBN: 3-89445-269-2

Rezension von Christina Niem

Die vorliegende Dissertation von Christina Frohn ist eine Publikation, die man gern zur Hand nimmt. Hochformatig, mit festem Einband bietet sie eine sehr ansprechende Ausstattung mit farbigen und schwarzweißen Abbildungen, die durch das zweispaltige Druckbild den heutigen Lesegewohnheiten entgegenkommt. Redigiert wurde die Arbeit von Alois Döring, denn das Amt für Rheinische Landeskunde hat das Werk der Bonner Historikerin in ihre Reihe aufgenommen.

Im einleitenden Kapitel formuliert die Verfasserin ihre Fragestellung, referiert den Forschungsstand und unterzieht die ausgewerteten Quellen einer Kritik. Die moderne Form des Karnevals seit seiner Reformierung im Jahre 1823 in Köln, seine Entstehung und Entwicklung bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden untersucht. Auf breiter Quellengrundlage arbeitet Frohn vergleichend die Geschichte des Karnevals in den ehemaligen Reichsstädten Köln und Aachen sowie in der Residenzstadt Düsseldorf heraus. Daß dabei eine enge Verflechtung von Karnevals- und Stadtgeschichte zutage tritt, verwundert nicht. Bei der Untersuchung der politischen und bürgerlichen Festkultur wird der Blick auch auf die Geschichte des Bürgertums und des Vereinswesens gerichtet.

In dem knapp gehaltenen Abschnitt, in welchem die Verfasserin ihre Fragestellung darlegt, kündigt sie auch den “Rückgriff auf Ergebnisse der volkskundlichen Fastnachtsforschung” (S. 15) an. Im folgenden Kapitel zum Forschungsstand widmet Christina Frohn der volkskundlichen Fastnachtsforschung tatsächlich aber lediglich einen einzigen Satz. Obwohl sie in der zugehörigen Anmerkung die einschlägige Literatur nennt, erstaunt es, daß einzelne Positionen der volkskundlichen Forschung in dem überblicksartigen Kapitel nicht referiert werden.

Dies geschieht z.T. an entsprechender Stelle in den folgenden Kapiteln, muß aber (auch in Ermangelung eines Registers) mühsam gesucht werden. Noch ein Monitum an dieser Stelle: In den Anmerkungen, die jeweils nach einem Kapitel folgen, wird mit Kurztiteln gearbeitet. Dabei wird auf (abgekürzte) Vornamen verzichtet, was insbesondere bei den Volkskundlern Hans Moser und Dietz-Rüdiger Moser verwirrt. Etwas mühsam muß sich die Leserin im Literaturverzeichnis informieren, welcher Moser jeweils referiert wird, welcher Schmitz (zwei verschiedene) und welcher Müller (fünf!, wobei Michael Müller mit sieben Beiträgen aufgeführt wird).

Letztere formale Kleinigkeit fällt jedoch im Hinblick auf die gesamte Arbeit wenig ins Gewicht: Christina Frohn hat ein umfangreiches Werk vorgelegt, das auf der Auswertung sehr zahlreicher Quellen beruht: Vereinsarchive, Protokollbücher und Literatur der Karnevalsgesellschaften, darunter Text-, Lieder- und Jahrbücher, Behördenschrifttum, Protokolle der Stadtverordnetensitzungen, Akten der Bürgermeisterei sowie der Armenverwaltung, Nachlässe und Chroniken. Dazu wurde punktuell die Berichterstattung der Lokalpresse ausgewertet.

Die Dissertation ist in acht Kapitel gegliedert, nach dem einleitenden folgt ein Abriß der Geschichte des Karnevals in den Untersuchungsorten vor der Reform, eines zu den Anfängen des organisierten Karnevals seit 1823. Das vierte und fünfte Kapitel bilden den Hauptteil der Untersuchung. Hier wird zum einen die Festgestaltung mitsamt ihren Trägern auf der angesprochenen breiten Quellenlage in den drei Hochburgen des Karnevals im nördlichen Rheinland dargestellt, zum anderen geht Frohn dem Verhältnis zwischen Karneval und Politik nach. Ein Abschnitt zur zeitgenössischen Kritik und eine kurze Schlußbemerkung beenden die Arbeit, die durch einen Anhang abgerundet wird, der neben Quellen- und Literaturverzeichnis den Nachweis der zahlreichen Abbildungen sowie ein Verzeichnis der großen Maskenzüge mit ihren Themen in den drei Städten im Untersuchungszeitraum enthält.

Frohn zeichnet in ihren zentralen Kapiteln die Entwicklung des Festes im Berichtszeitraum nach. Zum einen sind es die Aktivitäten der Karnevalsvereine, ihre Sitzungen, das Publikum, dessen karitatives Engagement, aber auch Querelen (“Knies und Klüngel”), die ausführlich dargelegt werden. Die Karnevalsvereine waren es, die den Charakter des Festes entscheidend prägten. Im Gefolge der Bildungsbürger gründeten auch Angehörige kleinbürgerlicher und später auch unterbürgerlicher Schichten eigene Karnevalsvereine. Zum anderen widmet sich die Verfasserin der öffentlichen Festgestaltung, den Umzügen, Maskenspielen und Maskenbällen. Der Straßenkarneval und der schon unmittelbar nach der Reform betonte kommerzielle Aspekt des Festes werden ebenfalls berücksichtigt.

Der enge Konnex zwischen Fastnacht und Politik steht neben der Entwicklung des Festes im Mittelpunkt der Untersuchung von Christina Frohn. Sie zeigt auf, wie Regierungs- und Behördenvertreter als Ehrengäste der Karnevalsgesellschaften zu Maskenzügen und Sitzungen geladen wurden (daran hat sich bis heute nichts geändert, nur gekrönte Häupter scheinen rarer zu sein). Zwei Phasen der Politisierung des rheinischen Karnevals erkennt die Verfasserin während des Vormärz’: Die erste begann 1827, als der Festkomplex Karneval in der preußischen Rheinprovinz von der Regierung in Berlin immer mißtrauischer betrachtet wurde. Eine zweite, verschärfte Phase mit einer Politisierung der Karnevalsvereine konstatiert sie ab 1840, als in Köln politisch engagierte Karnevalisten mit ihrer demokratischen Gesinnung nicht hinterm Berg hielten. Die Karnevalsvereine wurden – wie auch Turn- und Gesangvereine – zu einem Ersatz für politische Parteien. Diese Foren der politischen Emanzipation des Bürgertums entwickelten sich in der nachrevolutionären restaurativen Phase zunehmend zu Orten nationaler und patriotischer Gesinnung.

Beim Anblick der 130 den Text illustrierenden Abbildungen (z.B. Fotos, Postkarten, Leporellos, illustrierte Liederbücher, Einladungs- und Eintrittskarten, Werbeanzeigen) wünscht man sich eine weitere Arbeit, die den Karneval von der visuellen Seite untersucht und diese Bildquellen auswertet. “Der organisierte Narr” aber ist nicht zuletzt wegen seiner bildlichen Beigaben ein Werk, das auch von interessierten Laien mit Gewinn gelesen und betrachtet werden kann.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2 2001, Seite 90-92, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.