Rezension: Geschichte des pfälzischen Handwerks

Ausgabe 15/2 2000

Schellack, Fritz / Schifferer, Günter:
Geschichte des pfälzischen Handwerks.
Von der Vorzeit bis zur Gegenwart.
Landau 2000, 263 seiten, zahlreiche Fotos und Abbildungen

Rezension von Thomas Schneider

Der vorliegende Band erschien anläßlich des hundertjährigen Jubiläums der Handwerkskammer der Pfalz, die am 7. Mai 1900 im Stadthaus von Kaiserslautern mit der konstituierenden Sitzung der Mitgliederversammlung gegründet worden war. Skeptikern sei jedoch bereits an dieser Stelle versichert, daß es sich hier nicht um eine weitere jener Festschriften handelt, die mit einer “sentimentale[n] Rückschau auf eine angeblich ‚heile Welt’ des alten Handwerks” (S. 7) aufwarten, sondern um einen differenzierten Beitrag zur Handwerksgeschichte, der mit Sachkenntnis und Problembewußtsein erarbeitet wurde. Stagnation und Innovation, Kontinuitäten und Umbrüche, Zeitumstände und Rahmenbedingungen der Entwicklung des Handwerks werden thematisiert und ebenso schlüssig wie anschaulich dargestellt.

Zurecht weisen die Autoren in ihrem Vorwort darauf hin, daß die Darstellung eines chronologischen Ablaufs der Handwerksgeschichte für das Gebiet der Pfalz mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist, die vor allem aus der territorialen Zersplitterung vor dem 19. Jahrhundert in über 40 verschiedene Herrschaftsgebiete mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen herrühren. Die Darstellung der verschiedenen Epochen haben sich die beiden Autoren aufgeteilt. Der Historiker und Volkskundler Fritz Schellack behandelt den Zeitraum von der Frühgeschichte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Günter Schifferer, der Pressereferent der Handwerkskammer der Pfalz, stellt ausführlich die Entwicklungen im 20. Jahrhundert dar.
Als einleitendes Kapitel ist dem Band eine knappe Darstellung handwerklicher Produkte in vor- und frühgeschichtlicher Zeit vorangestellt, in welchem die Ergebnisse und Erkenntnisse archäologischer Forschung bis in die Römerzeit sachlich skizziert werden.

Wesentlich größeren Raum nehmen die Ausführungen zur Entstehung des zünftigen Handwerks im Gefolge des entstehenden und aufblühenden Städtewesens um die erste Jahrtausendwende ein. Die Formierung von Zünften sowie deren ökonomische und soziale Bedeutung, ihre Rolle als umfassendes Ordnungssystem wird v.a. exemplarisch am Beispiel der Städte Speyer und Kaiserslautern erläutert, wobei die unterschiedlich verlaufenden Entwicklungen in den beiden Städten klar herausgearbeitet werden. Exkurse zur Bedeutung des Weinbaus im Spätmittelalter in der Region um das Weinhandelszentrum Speyer und der damit verbundenen Handwerke, vor allem dem Küfer- oder Böttcherhandwerk, sowie zu den Nahrungsmittelhandwerken der Metzger, Müller und Bäcker ergänzen das Kapitel. Den Schluß dieses Abschnitts bilden eine Betrachtung der Bedeutung und Auswirkung des Merkantilismus’ auf das Handwerk, das Aufkommen neuer Handwerke und eine Analyse zur Lage des pfälzischen Handwerks am Übergang zum 18. Jahrhundert

Im Mittelpunkt der Darstellung zum 18. Jahrhundert steht die im Jahre 1731 erlassene Reichshandwerksordnung, die als Versuch gewertet wird, die mittlerweile erodierenden zünftigen Handwerksordnungen zu reformieren. Landesherrliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben, der Einfluß neuer Wirtschaftstheorien, die Gründung von Manufakturen und die dem Handwerk daraus erwachsende Konkurrenz verschlechterten die Bedingungen für das zünftige Handwerk in pfälzischen Territorien. Die Probleme der Handwerkswirtschaft, welche dann im 19. Jahrhundert vehement in den Vordergrund drängten, nämlich Überbesetzung, Verdrängung vom Markt durch Industrieprodukte, Verarmungstendenzen, um nur einige zu nennen, zeichneten sich – zwar regional in durchaus unterschiedlichem Maß – bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert ab.

Als Umbruchszeit für das pfälzische Handwerk wird das 19. Jahrhundert beschrieben. Hierbei werden sowohl die wechselnden politischen Machtverhältnisse (französische Herrschaft zu Beginn des Jahrhunderts, bayerische Verwaltung nach 1816) und die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen beleuchtet (Code Civil, Gewerbefreiheit), die Entstehung erster Industriebetriebe aus Handwerksbetrieben, die Auswirkungen des Eisenbahnbaus, die Konjunktur und der Niedergang einzelner Handwerke sowie die Entstehung von Hausindustrie und Wandergewerben als Versuchen, den Verelendungstendenzen zu entgehen.

In einem eigenen Kapitel wird die Veränderung der Handwerksorganisation im 19. Jahrhundert nachgezeichnet und die Bedeutung der staatlichen Obrigkeit in diesem Prozeß. Neben den organisatorischen Veränderungen werden die Rolle der pfälzischen Handwerker in den Revolutionsjahren 1848/49, die Gründung der Gewerbevereine, des Gewerbemuseums in Kaiserslautern sowie berufsbildender Institutionen in der Pfalz dargestellt.
In ausführlicher Form widmen sich die von Günter Schifferer verfaßten Kapitel dem Fortgang der pfälzischen Handwerksgeschichte im 20. Jahrhundert. Den Auftakt bildet hierbei die bereits erwähnte Gründung der Handwerkskammer der Pfalz im Jahre 1900 in Kaiserslautern sowie eine Darstellung der Organisationen des pfälzischen Handwerks. Breiten Raum nimmt die differenzierte Darstellung der Neuorganisation des Ausbildungswesens ein, an die sich die Einführung des sog. Kleinen Befähigungsnachweises sowie die wirtschaftlichen Verhältnisse vor und im Ersten Weltkrieg anschließen.

Die besonders kritische Situation des pfälzischen Handwerks nach dem Ersten Weltkrieg ergab sich aus der politischen Lage und der bis 1930 währenden französischen Besetzung: Kraftstoff-, Kohle- und genereller Rohstoffmangel, Preiskontrolle, Verkehrsverbote, Beschlagnahmeaktionen und Inflation trugen zur krisenhaften Entwicklung bei. Die Anstrengungen des Handwerks, diese Krise zu meistern, waren in den zwanziger Jahren vielfältiger Art und reichten von organisatorischen Neuansätzen, über die Intensivierung der beruflichen Ausbildung bis zu Kreditprogammen zur Bekämpfung der Kapitalnot der Handwerksbetriebe.
Daß auch das heikle Kapitel Handwerk im Nationalsozialismus in dieser Darstellung des pfälzischen Handwerks nicht fehlt, verdient besondere Erwähnung, und die Stationen von der Gleichschaltung der Handwerkskammer und der übrigen Handwerksorganisationen über die “Arisierung” des Handwerks, die Einführung des sog. Großen Befähigungsnachweises sowie das Handwerk im Dienste der NS-Ideologie bis zur Auflösung aller Wirtschaftsorganisationen im Jahr 1942 werden so sorgfältig aufgearbeitet, wie es im Rahmen dieser Zusammenschau möglich ist.

Der Neuaufbau der Handwerksorganisationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Wiederaufbau der beruflichen Bildung, die Einführung der überbetrieblichen Ausbildung, die Rolle des Handwerks in den Jahren des Wirtschaftswunders sowie der einsetzende Strukturwandel bilden die Kernpunkte des vorletzten Kapitels. Das letzten Kapitel führt schließlich an die Gegenwart heran und beleuchtet die aktuellen Fragen, mit denen sich das Handwerk konfrontiert sieht: die Diskussion um den Meisterbrief und die Deregulierung, den wirtschaftlich-technologischen Wandel und seine Auswirkungen, die Entwicklung der Kaiserlauterer Meisterschule sowie das Problem der wachsenden Organisationsmüdigkeit der Handwerker, die im sinkenden Organisationsgrad der Betriebe in den Innungen (1990: nur mehr 54,2 %) zum Ausdruck kommt.

Die faktenreiche Darstellung der Geschichte des pfälzischen Handwerks wird ergänzt durch vielfältige Abbildungen, die der Anschaulichkeit sehr zu gute kommen. Des weiteren ist auf das zeitgemäße Layout des Bandes zu verweisen, dessen Gestaltung Günter Schifferer ausgezeichnet gelungen ist. Dieser Handwerksgeschichte sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen!

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 15/2 2000, Seite 62-64, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.