Rezension: Prädikat wertlos

Ausgabe 17/1 2002

Helmut Bode, Nina Hofmann, Alexandra Kaiser, u.a. (Hrsg.):
Prädikat wertlos: der lange Streit um Schmutz und Schund.
Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen, Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V. Tübingen 2001.

Rezension von Silvia Karmanski

Die Diskrepanz zwischen kritischem öffentlichen Diskurs einerseits und dem dauerhaften Quoten- oder Verkaufserfolg von sogenanntem “Schmutz und Schund” andererseits ist kaum zu übersehen und wirft Fragen auf, die bisher unbeantwortet geblieben sind. Selbst Analysen aus medienwissenschaftlicher Perspektive, die sich beispielsweise mit den Profilen der Rezipienten, Inhaltsanalysen oder dem Konsumverhalten auseinandersetzten, halfen nicht wirklich weiter. Sich diesem Phänomen nun aus kulturwissenschaftlicher Sicht zu nähern und andere, für dieses Fach typische Fragen zu stellen, um Erklärungsangebote zu erarbeiten, ist zweifelsohne ein reizvolles Anliegen. Die Darstellung zu dieser Thematik, die Studierende der Universität Tübingen in Projektarbeit unter der Leitung Kaspar Maases erarbeiteten, macht den Leser nicht nur aufgrund der sehr poppig-frechen äußeren Gestaltung neugierig.

Der Aspekt “Schmutz und Schund” umfaßt ein sehr breites Spektrum, wie bereits der Blick auf das Inhaltsverzeichnis andeutet. Die Unterteilung in “historische und ethnografische Arbeitsgruppen” (S.5) erweist sich daher durchaus als sinnvoll. Allerdings sind die qualitativen Unterschiede der beiden Segmente offensichtlich. Besonders die Beiträge von Dietrich Maurer (“Schundkonsum als Kriminalitätsursache”) und Alexandra Kaiser (“Protestantischer Schundkampf in der Nachkriegszeit”) fallen durch gute Recherche und eine gelungene, umfassende Darstellung auf. Sie gewähren dem Leser Einblicke in das Denken und die Geisteshaltung der Gesellschaft vor 1933 beziehungsweise während der Nachkriegszeit und zeigen sehr anschaulich, wo deutliche Parallelen oder aber Differenzen zu dem heutigen öffentlichen Diskurs bestehen. Dadurch schaffen sie für den Leser eine effektive Ausgangsbasis zur weiteren Auseinandersetzung.

Die Darstellungen des zweiten Abschnitts allerdings werfen eher Fragen auf, sowohl das methodische Vorgehen als auch die Interpretation der Ergebnisse betreffend. Die Betrachtung von Helmut Bode und Bettina Zundel beispielsweise über den “Diskursgegenstand Big Brother” hinterläßt den Eindruck der Ungenauigkeit und oberflächlichen Betrachtung. Zum einen ist die Auswahl der analysierten Zeitungen fragwürdig. Sie entspricht nicht dem sogenannten ‚publizistischen Spektrum’, das für eine methodisch exakte qualitative Analyse erforderlich und in der empirischen Medienanalyse üblich geworden ist. Hierzu zählen neben den vier überregionalen Qualitätszeitungen Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt mindestens ein Magazin und eine Wochenzeitung. Diese Auswahl deckt das gesamte publizierte Spektrum von “ganz links bis ganz rechts” ab und gilt daher als repräsentativ. Die BILD-Zeitung sowie eine Lokalzeitung können ergänzend hinzugezogen werden, sollten aber üblicherweise nicht die alleinige Untersuchungsgrundlage bilden. Wird methodisch bewußt von diesem Standard abgewichen, wäre es sinnvoll, dies zu Beginn der Darstellung zu thematisieren und zu begründen. Zusätzliche Informationen über die hier verwendete Lokalzeitung wie beispielsweise Auflagenhöhe, mögliche Konkurrenzblätter etc. wären für den Leser zudem hilfreich, um die erarbeiteten Ergebnisse besser einordnen zu können.

Zum anderen fallen inhaltlich Unstimmigkeiten auf. So wird als Begründung für das Scheitern des Formates “Big Brother” der “allgemein begrenzte Lebenszyklus von Kulturwaren” (S.65) herangezogen, jedoch keine inhaltlichen Schwächen. (Die Erläuterung ihrer interessanten These bleiben die Autoren dem Leser jedoch schuldig.) Als weiteres aktuelles Beispiel nennen Bode und Zundel die Quizshow “Wer wird Millionär?”. Abgesehen davon, daß diese Sendung nach wie vor zu den beliebtesten im deutschsprachigen Fernsehen zählt und trotz nachahmenden Formaten konstant hohe Einschaltquoten erbringt, “hinkt” der Vergleich zwischen der Realityshow und der Quizsendung, da sie auf völlig unterschiedlichen Konzepten aufbauen. Die zentrale Überlegung der Darstellung, daß sich an der Sendung “Big Brother” ein Generationskonflikt entlädt, basiert auf zu allgemeinen Thesen, wodurch der weitere Gedankengang ebenfalls oberflächlich bleibt. Einerseits fanden nicht “die Jugendlichen” per se die Sendung gut, andererseits beteiligten sich vor allem Kandidaten zwischen 20 und 30 Jahren daran – zählen auch sie noch zu Jugendlichen? Auch hier gilt es, stärker zu differenzieren, um präzise Aussagen treffen zu können, die unter Umständen etwas anders ausfallen könnten.

Zuletzt ist zudem unverständlich, daß ein entscheidender Aspekt, der für die heftige Mediendebatte mit verantwortlich war, in der Darstellung Bodes und Zundels lediglich in einem Nebensatz Erwähnung findet: Die hitzige öffentliche Diskussion wurde ausgelöst durch Bedenken von Politikern, Juristen und Intellektuellen, die Sendung verletze die Würde des Menschen, die gemäß Artikel 1 GG unantastbar ist. Es wurden neben emotionalen und kulturpessimistischen Ansätzen vor allem juristische Argumente vorgebracht. Dieser für den öffentlichen Diskurs so wichtige Aspekt findet in der Darstellung von Bode und Zundel jedoch kaum Beachtung, somit bleibt sie leider unvollständig. Der Beitrag wird, im Gegensatz zu anderen Darstellungen des Buches, deshalb so ausführlich behandelt, weil er einige Unzulänglichkeiten aufweist, die auch andere Arbeiten erkennen lassen. Er steht sozusagen stellvertretend für einige Beiträge des ethnografischen Abschnittes.

Jedoch bestehen daneben auch sehr anregende Ausführungen. Silke Reuter zum Beispiel verfolgt den sehr bemerkenswerten Ansatz, “eine Außenperspektive” (S. 5) auf das Thema einzufangen, die sie in ihrem Beitrag “,Volkes Stimme’ – Analyse einer Gruppendiskussion” vorstellt. Sehr anschaulich beschreibt sie die Grenzen, an die sie aufgrund der gewählten Methode stößt, wodurch dieser Beitrag eine Art “Experimentiercharakter” erhält. Die von ihr ausgeführten Beobachtungen sind ebenso interessant wie die Ergebnisse der Diskussion selbst.

Insgesamt erscheint die Betrachtung des so komplexen Phänomens “Schund und Schmutz” zu oberflächlich. Beispielsweise erstaunt aufgrund der Vielschichtigkeit des Themas, daß zu Beginn der Abhandlung die beiden Begriffe weder definiert noch in irgendeiner Weise thematisiert oder eingegrenzt worden sind. Der Verweis im Vorwort auf ihren alltäglichen Gebrauch sowie gängige Assoziationen reichen im Hinblick auf die Tatsache, daß sie Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Buches sind, nicht aus, und auch die Formulierung “Es sind auf jeden Fall Dinge oder Handlungen, die eindeutig negativ bewertet werden.” (S. 78) ist zu vage im Hinblick auf die vielfältigen Variationsmöglichkeiten. Möglicherweise ist die fehlende Begriffsbestimmung zu Anfang eine Erklärung dafür, daß “Schmutz und Schund” unter Umständen intuitiv synonym mit “Sex und Gewalt” verwendet wurden, diese Reduzierung erscheint jedoch unbefriedigend. Der Schwerpunkt der gesamten Darstellung lag zudem auf dem Aspekt “Sex”, während die Thematik der Gewalt nicht näher und eingehender thematisiert worden ist.

Insgesamt präsentiert das Buch viele anregende Ideen und Ansätze, die jedoch selten zufriedenstellend ausgeführt werden. Das ist sehr schade, zumal die optische Aufbereitung – auch im Internet – demgegenüber äußerst gelungen ist.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 17/1 2002, Seite 149-151, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.