Rezension: New Directions in Urban History

Ausgabe 16/2 2001

Borsay, Peter / Hirschfelder, Gunther / Mohrmann, Ruth-E. (Hrsg.):
New Directions in Urban History.
Aspects of European Art, Health, Tourism and Leisure since the Enlightenment.
Münster / New York / München / Berlin 2000, 217 Seiten mit Abbildungen
(Münsteraner Schriften zur Volkskunde / Europäischen Ethnologie, 5)
ISBN: 3-89325-643-1

Rezension von Thomas Schneider

Diese Publikation entstand im Anschluß an die Vierte Internationale Konferenz zur Stadtgeschichte, die im September des Jahres 1998 in Venedig Statfand. Sie enthält neun Beiträge aus zwei Sektionen dieser Tagung plus eine kurze Einführung in das Thema durch die Herausgeber. Mit vier Beiträgen zu Fragen der Entwicklung und des Ausbaus europäischer Kur- und Badeorte vor allem im 18. und 19. Jahrhundert läßt sich ein Schwerpunkt dieses Bandes angeben, während die anderen Abhandlungen jeweils unterschiedlichen Themenstellungen gewidmet sind.

Den Auftakt macht der Beitrag “Bath: An Enlightenment City?” des britischen Historikers Peter Borsay und Mitherausgebers, in welchem der Autor der Frage nachgeht, inwiefern die alte englische Kurstadt Bath im 18. Jahrhundert als ein Zentrum der Aufklärung in Britannien gelten kann. Anhand zeitgenössischer Reise- und Stadtbeschreibungen weist der Autor das hochentwickelte und geschätzte kulturelle Leben der Kurstadt nach, ebenso wie die Existenz einer “ernsthaften lokalen wissenschaftlichen Kultur” (S. 6) im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Als Treffpunkt der nationalen Elite Britanniens nahm Bath eine Vorreiterrolle ein, indem die Stadt eine Reihe von Einrichtungen schuf, welche ihren Besuchern die Möglichkeit zu verbesserten sozialen Kontakten boten. Dieser gleichsam demokratische Zug wurde freilich dadurch abgemindert, daß Bath nicht allein aus Gründen der Gesundheitspflege und der kulturellen Ergötzung aufgesucht wurde, sondern gleichermaßen als ein Ort zum Erhalt oder zur Hebung des gesellschaftlichen Prestiges: die Kurstadt fungierte als Heiratsmarkt. Borsay weist auf die Paradoxie hin, welche daraus entstand, daß die Erweiterung der öffentlichen Sphäre aus dem Streben nach Privatinteressen resultierte und nicht selten in Spannungen zwischen den Kurgästen bis hin zum offen Konflikt führte. Der aufklärerische Habitus wurde zu einem Instrument kultureller Differenzierung und vertiefte die Kluft zwischen den Geschlechtern und den sozialen Klassen eher als daß er sie schloß.

In seinem Beitrag “In Search of a Leisure Hierarchy: English Spa Towns and their Place in the Eighteenth-Century Urban System” untersucht der britische Geograph Jon Stobart das Verhältnis englischer Kurstädte im 18. Jahrhundert untereinander, ihre Bedeutung als Motoren der Innovation sowie die Frage ihrer kulturellen Dominanz im Vergleich zu ihren Nachbarstädten. Anhand der drei Variablen Gesundheit, Freizeit und Konsum legt der Autor dar, daß die Attraktivität der Kurstädte stärker in ihrer medizinischen Reputation denn in ihren Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten gegründet war.

In den letztgenannten Aspekten unterschieden sich Kurstädte und ihre Nachbarn graduell, nicht grundsätzlich: sie waren Teil jenes breiten Prozesses wirtschaftlicher und städtischer Entwicklung im England des 18. Jahrhunderts. Zwar waren die Kurstädte zusammen mit der mächtigen Ausstrahlung der Hauptstadt London maßgeblich an der Herausbildung einer “nationalen Freizeitkultur” (S. 35) beteiligt, doch nahmen sie in der sich formierenden, komplexen und sich wandelnden Freizeithierarchie zwar hohe, doch nicht zwangsläufig Spitzenpositionen ein.

In seinem Beitrag “Competing Visions of Urban Grandeur: Planning and Developing Nineteenth-Century Spa Towns in France” vergleicht der amerikanische Historiker und Romanist Douglas P. Mackaman die Entwicklungen der Kurorte Vichy und Aix-les-Bains. Vichy war als Staatsbadeort Teil des französischen Bädersystems und baute auf die Patronage des französichen Staates. Im Zusammenspiel von staatlichen Subventionen und privaten Investoren gelang es der Stadt, sich zu einem der führenden Kurorte in Frankreich zu entwickeln, nicht zuletzt aufgrund des Interesses, das Kaiser Napoleon III. der Stadt entgegenbrachte.

Anders hingegen Aix-les-Bains. Dort hatte sich in den Jahren, als die Stadt zur piemontesisch-sardinischen Krone gehörte, eine lokale Gruppe privater Investoren in einer Aktiengesellschaft zusammengefunden, welche die Renovierung und den Ausbau der Kurstadt aktiv betrieben. Mit der Annexion Savoyens im Jahre 1860 durch Frankreich wurde Aix ebenfalls französisches Staatsbad. Allerdings setzte man in die Patronage des Staates unrealistische Erwartungen, was sich für die Entwicklung der Stadt als nachteilig erwies. Erst der einsetzende “Thermalnationalismus” (S. 60) nach 1870, als Deutsche und Franzosen die Kurorte im Nachbarland mieden, besserte die Lage von Aix-les-Bains nachhaltig.

Eine quantitativ orientierte Studie legen der spanische Kunsthistoriker J. Pedro Lorente und die britische Kunsthistorikerin Clare Targett vor. “Comparative Growth and Urban Distribution of the Population of Artists in Victorian London” ist der Titel ihres Beitrags, in dem sie mit Hilfe serieller Quellen – den englischen Volkszählungen zwischen 1841 und 1891 sowie den Londoner Postadressenverzeichnissen von 1843 bis 1906 – der Ansiedlung von Künstlern im Städtevergleich und im Vergleich zwischen den einzelnen Londoner Distrikten nachgehen.

Die britische Kulturhistorikerin Jill Steward beschäftigt sich in ihrem Beitrag “The Spa Towns of the Austro-Hungarian Empire and the Growth of Tourist Culture: 1860-1914″ mit der Entwicklung der Heilbäderindustrie der Donaumonarchie. Ihre mit 38 Seiten umfangreichste Abhandlung des Bandes bietet Analysen der Faktoren, die für das mitunter rapide Wachstum einzelner Badeorte verantwortlich waren. Sehr differenziert stellt die Autorin dar, wie die ethnische und soziale Diversität der Habsburger Monarchie sich auch auf diesem Gebiet niederschlug und inwiefern Zusammenhänge zwischen der Herausbildung verschiedener Tourismuskulturen und dem sich abzeichnenden Regionalismus und Nationalismus bestehen. Während der Gesundheitstourismus einerseits zur Diffusion städtischer Lebens- und Verhaltensformen beitrug, spielte er andererseits auch eine wichtige Rolle im Prozeß der Bewußtmachung ethnischer, sprachlicher und kultureller Differenzen, und dies um so stärker, je weiter die betreffenden Kurstädte und Regionen von den offiziellen Zentren Wien und Budapest entfernt waren.

Am Beispiel der Stadt Leipzig geht der japanische Historiker Tomomi Hotaka in seinem Beitrag “Contact with Nature as Urban Culture in the Modern Age: The Gardening Movement in the Second Imperial Age in Germany” der Frage nach, welche Bedeutung und welchen Stellenwert die Gartenstadtbewegung für Stadtbewohner hinsichtlich deren Kontakt mit der Natur hatte. Dabei gelingt es dem Autor zu zeigen, wie Gartenarbeit im Rahmen dieser Bewegung als Transportmittel moderner, an bürgerlichen Vorbildern orientierter Werte diente und überdies systemstabilisierend wirkte, indem sie allgemein als unpolitisch und ideologiefrei begriffen wurde.

Einen weiteren Städtevergleich stellt die britische Kunsthistorikerin Helen Meller in ihrem Beitrag “Hamburg and Marseilles: Cultural Institutions, Civic Exhibitions and City Development 1890-1930″ an. Als die jeweils größten Hafenstädte ihrer jeweiligen Länder waren Hamburg und Marseille der Globalisierung von Handel und Industrie wesentlich unmittelbarer ausgesetzt als andere Städte. Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit stellte sich die Ausgangslage der beiden Städte jedoch sehr unterschiedlich dar.

Daraus entwickelt die Autorin eine Reihe von Fragestellungen, so etwa ob die Rolle der beiden Städte als Schnittpunkte des internationalen Handels sich auch hinsichtlich des kulturellen Austauschs auf globaler Ebene bestätigte, wie sich das Leben der Stadtbürger angesichts rapiden Wachstums und – damit einhergehend – sich verschlechternder Umweltbedingungen gestaltete, und wie “zivilisierte” und kulturelle Werte auf das Handeln der Verantwortlichen Einfluß nahmen.

Die Stadt und der Tourismus sind das Themenfeld der finnischen Historikerin Taina Syrjämaa in ihrem Beitrag “Tourism as a Typical Cultural Phenomenon of Urban Consumer Society”. Dabei rückt sie drei Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung: a) die Stadtbewohner als die typischen Touristen in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, b) Städte als Reiseziele der Touristen und c) die Allgegenwart des Tourismus in der städtischen Umgebung, die in Form der Werbung zu beobachten war. Besonders dieser letztgenannte Aspekt wird ausführlich beleuchtet und führt die Autorin zu dem Schluß, daß der Tourismus in der Zwischenkriegszeit zu einem integralen Bestandteil der populären Kultur in westlichen Ländern avancierte.

Den Abschluß des Bandes bildet der eher essayistisch gehaltene Beitrag der französischen Historikerin Françoise Taliano-des Garets zum Thema “Music Policies in French Regional Capitals since 1945″. Am Beispiel der Kulturpolitk in den regionalen Hauptstädten Bordeaux, Lyon, Marseille, Strasbourg und Toulouse zeigt die Autorin ein Problem allgemeiner Natur in Frankreich auf, nämlich das Problem des Zentralismus, das sich im Verhältnis der regionalen Hauptstädte und der Zentralregierung ausdrückt.

Als abschließende Bemerkung soll der Gesamteindruck, den dieser Sammelband vermittelt, hervorgehoben werden. Dieser geht dahin, daß – wenngleich nicht alle Beiträge das hohe Niveau halten können, welches die Mehrheit der Texte vorgibt – eine höchst anregende, aspektreiche und auch in formaler Hinsicht überzeugende Publikation gelungen ist.

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Die Rezension ist in den Informationen Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Heft 16/2 2001, Seite 85-88, erschienen. Das Heft kann per Mail oder im Buchhandel (ISSN: 0938-2964) bestellt werden.